Das Schenkbarsche Haus in Biedenkopf
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Quellen und Diskussionen

 

 

 

 

Vorgeschichte

 

 

 

Es muss so um 1982 herum gewesen sein. Als neuer Schüler der Lahntalschule in Biedenkopf bekam ich als Auswärtiger aus einem der umliegenden Dörfern durch einen Stadtrundgang die neue schulische Heimat näher gebracht. Unser damaliger Lehrer zeigte uns den Markplatz, die Kirchen und das Schloß. Und selbstverständlich auch die Altstadt, die in Biedenkopf als Oberstadt bezeichnet wird.

Für ein Kind wie mich, das die weitläufigen Gärten und Höfe aus dem benachbarten Wallau gewohnt war, sah die Altstadt klein und beengt aus. Für mich ungewöhnlich waren die engen Gassen und der dichten Bebauung. Man erzählte uns von den drei großen Bränden, die das heutige Stadtbild erst hervorgebracht hatten und von einer großen und ruhmreichen Vergangenheit einer Tuchmacherstadt, von der man jetzt kaum noch etwas erahnen konnte. Die Altstadt bestand und besteht hauptsächlich aus kleineren und kleinen Ackerbürgerhäusern,1 und hier und da waren sogar einzeln stehende Scheunen und Ställe dazwischen geworfen.

 

Auf dem Weg zum Schloß machten wir bei der Stadtkirche halt, und hier stand ein Haus, das für mich als damals unwissendes Kind bereits augenscheinlich eine herausragende Ausnahme bildete. Unser Lehrer bezeichnete das hohe, mächtige Gebäude als die „alte Universität“, da dort die Marburger Studenten und ihre Professoren 1563 während einer Pestwelle in Marburg Zuflucht gesucht hätten. Dies sei nun schon mehr als 400 Jahre her.

 

Das Haus solle auch sonst eine lange und ehrwürdige Geschichte haben. Uns wurde von Kanonen berichtet, die während des 30-jährigen Krieges auf dem Dach montiert gewesen seien, um als Geschütze zur Stadtverteidigung zu dienen. Von schrecklichen Seuchen, aber auch von edlen Rittergeschlechtern, wurde uns berichtet und von einem unterirdischen Fluchtgang, der das Haus in Verbindung mit anderen Gängen sowohl mit der Unterstadt2 als auch dem Schloß verbinde. Das Haus habe drei große Stadtbrände sozusagen inmitten eines Feuersturmes schadlos überstanden 3.

 

 

 

In meiner Kinderphantasie taten sich Welten auf. Das Haus scheint so fast alle Kinderträume zu einem Gesamteindruck zu bündeln.

 

Als ich an diesem Tag nach Hause kam, erzählte ich meinem Vater von diesem Haus in den schillernsten Farben und bat ihn sogar, noch einmal nachmittags mit dem Auto dort vorbeizufahren. Als wir durch das enge Gäßchen fuhren, sagte ich zu ihm, dass ich mir dieses Haus später einmal kaufen wolle. Und tatsächlich würde ich es seit diesem Tag nie wieder vergessen und beobachtete es all die Jahre immer wieder aus der Ferne. Immer wieder machte ich kleine Spaziergänge durch die Oberstadt und schaute auch Jahre später nach, ob dort abends Licht brannte, oder ob sich etwas veränderte.

 

1991 „begegnete“ ich dem Haus ein zweites Mal aus der Nähe. Das Thema hatte mich nie wieder losgelassen, weshalb ich alles daran setzte, dass ich meinen Zivildienst beim Landesamt für Denkmalpflege ableisten konnte. Oft durfte ich hierbei mit den Landeskonservatoren auf Außendiensttour fahren und eines Tages führte mich diese Fahrt in die Heimat.

 

Der Konservator Dr. Michael Neumann ereiferte sich bereits auf der Fahrt durch die Gassen von Biedenkopf über Flächenfenster, Betonbalkone, Doppelgaragen und Kunststoff- oder Asbestplättchen, die so manches barocke Haus zierten, bis wir vor der Stadtkirche hielten und ausstiegen.

 

„Und das ist das Gebäude, warum ich Biedenkopf doch liebe“, sagte Dr. Neumann fast leise.

Wir standen vor „meinem“ Haus.

 

Mittlerweile wurde es als Schenkbarsches Haus bezeichnet, weil es einen Artikel in den Hinterländer Geschichtsblättern gab, in dem all meine Kindheitsträume entzaubert worden waren. Das Haus sei erst 1610 durch einen Schultheiß namens Heinrich Schenkbar erbaut worden und könne deshalb niemals die Universität im 16. Jahrhundert beherbergt haben.

 

Auch gab es einige Jahre später eine dendrochronologische4 Untersuchung, die genau dieses Forschungsergebnis bestätigte.

Ich fand die Ergebnisse dieser Forschungen sehr spannend und schlüssig, auch wenn mir die Beweggründe für die Forschung vorkamen, wie die Entmytologisierung der Religion durch Rudolf Bultmann5 in den 60er Jahren.

 

In dieser Zeit war man in der Geschichtsforschung das in früheren Jahren praktizierte endlose Fabulieren ohne Quellen anzugeben leid und man drehte sozusagen den Spieß um. Nicht die Überlieferungen waren die Grundlage der Forschung und wurden mit Fakten belegt, sondern alle Überlieferungen, die man nicht mit Fakten belegen konnte, galten fortan als falsch und widerlegt.

dass das Fabulieren der vergangenen Jahrhunderte unwissenschaftlich im heutigen Sinne ist, steht außer Frage, aber auch die entmythologisierende Herangehensweise der Wissenschaftsgeneration der 60er und 70er Jahre ist in meinen Augen durchaus problematisch.

 

Zum Einen ist es aus rein menschlichen Gesichtspunkten nahezu unethisch, das „gemeine Volk“ sozusagen seiner Geschichten, Sagen und mündlichen Überlieferungen zu berauben, und die „Erzähler“ samt und sonders quasi als Lügner zu branntmarken. Auf der anderen Seite forscht man ohne Phantasie und Weite und ohne nötige Vorstellungskraft, wenn alle Legenden komplett außer Acht gelassen werden. Mit diesen selbst auferlegten Scheuklappen hätte Heinrich Schliemann6 Troja niemals entdeckt, da er als Forscher mangels zugänglicher Quellen, außer der griechischen Sagenwelt, zu keinem Ergebnis hätte kommen können. Alle weiteren Forschungsmöglichkeiten außerhalb der Primärliteratur außen vor zu lassen, hätten nicht zum Ziel geführt. Vertraut der Forscher aber auch auf das eigene logische Denken und eigene Schlussfolgerungen, ohne Angst vor Fehlern, kann er seinen Horizont weiten, und Dingen nachgehen, die ihm in den Primärquellen7 vielleicht nie begegnet wären.

 

Also fragte ich Dr. Neumann ganz offen, ob er glaube, dass an all diesen Legenden nichts dran sei. Er gab mir unmissverständlich zur Antwort, dass er es nicht wisse, und dass das niemand wissen könne. Der Geschichtsforscher sei nur so lange im Besitz der gegenwärtigen Wahrheit, bis wieder neue Belege, Quellen oder Befunde auftauchten, die das bis dahin gültige Ergebnis einstürzen ließen. Geschichte sei eine sich verändernde und bewegte Wissenschaft, die durch neue Erkenntnisse stetig zu neuen Wahrheiten finden müsse. Sie sei nicht statisch, auch wenn sie sich mit Dingen beschäftige, die bereits abgeschlossen seien.

 

In Bezug auf das Haus merkte er an, dass es unstrittig sei, dass sowohl der Keller als auch die integrierten Wehranlagen keinesfalls aus der Zeit des Barock oder der Renaissance stammen, sondern definitiv älter seien. Außerdem sei es nahezu unmöglich, dass an dieser städtebaulich so hervorragenden Stelle keine Vorgängerbauten gestanden hätten.

 

Das Abreißen und Einplanieren und komplett neu Aufbauen eines Hauses sei außerdem eine Erscheinung des 20. Jahrhunderts. Was gut und fest war und passte sei immer stehen gelassen und in den neuen Baukörper integriert worden und das nicht nur aus ökonomischen Gründen. Es sei logisch und fast immer so, dass die Vorgängebauten zumindest in Teilen in den späteren Gebäuden steckten, weshalb man in der Baugeschichte auch stets von Bauphasen und selten von Neubauten sprechen könne, außer das Grundstück sei sozusagen „jungfräulich“.

 

Diese Aussage hat mein Bild von Städtebau und Baugeschichte enorm geprägt und beeinflußt.

Weitere Jahre vergingen, aber ich verlor das Haus niemals aus den Augen. Eines Tages im Januar 2009 hatte ich nach der Arbeit das plötzliche Gefühl, dass ich nach längerer Zeit mal wieder nach dem Rechten sehen müsse, als ich in den Fenstern beider Hausteile gleichzeitig jeweils ein Verkaufsschild sah. Zum erstenmal war die Möglichkeit da, beide Hausteile zusammenzuführen.

Da wir einige Tiere hatten und das Haus über mehrere nicht umgebaute Ställe verfügte, und mein Lebenspartner ohnehin seit Jahren den Traum hatte, einmal ein Museum zu führen und uns hier zwei getrennte Hausteile unter einem Dach zur Verfügung standen, zögerten wir keine Sekunde und nach einem Banktermin konnte das Abenteuer „Schenkbarsches Haus“ starten. Welche Fügung!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

Ältere Forschung und bisherige Literatur

 

 

In diesem Kapitel wird nicht die heutige Forschung wiedergegeben und auch noch nicht meine Ergebnisse präsentiert, sondern es handelt sich lediglich um eine Zusammenfassung früherer Arbeiten und Informationen rund um das Schenkbarsche Haus.

 

Ältere Literatur über Biedenkopf, und hier speziell mit der Erwähnung einzelner Gebäude, stellt sich als sehr rar und dürftig heraus. Am weitreichensten und wohl auch in ihrer Art am Frühesten ist das Werk von C. F. Günther8, „Bilder aus der hessischen Vergangenheit“ aus dem Jahr 1853. Hier werden bezüglich Biedenkopf tatsächlich wichtige Urkunden und geschichtliche Abläufe erwähnt, die als Überblick auch heute noch gut zu gebrauchen sind. Zum Thema Adelssitze oder Burgmannssitze9, erwähnt er auf Seite 430 neben der Döringsburg10 und dem Haus eines Schenken11 neben der Kirche auch das Anwesen der Herren von Breidenbach12. Mit dem Haus der Schenken scheint wohl das Schenkbarsche Haus gemeint zu sein, denn in diesem Zusammenhang wird all das erwähnt, was als Legenden über das Haus noch heute erzählt wird. Bei Günther ist von unterirdischen Gängen die Rede, deren Eingang in einem Nebengebäude im Hofgarten13 liegen sollen. Auch erwähnt er die Verlegung der Universität im Jahr 1563 in das Haus und die schwedischen Kanonen auf dem Dach im 30-jährigen Krieg.

 

Die Döringsburg lokalisiert er in der Obergasse, und den Sitz der Herren von Breidenbach in der sogenannten Hufenburg, die sich am Hofgarten unterhalb des Felsenkellers befinden soll. Dies wird an der Eichpforte lokalisiert, also ist damit die heutige Klingelburg gemeint14. Auf Seite 428 erwähnt er im Zusammenhang mit der Beschreibung der Stadttore erneut die Eichpforte und die beiden Tore in die Unterstadt, die Marienpforte und die Hospitalpforte. Dann erwähnt er die Neue Pforte unterhalb des Felsenkellers, welche er in schlechtem Zustand und mit einer Wohnung für den Hirten überbaut antrifft. Diese Hirtenwohnung diente später zeitweise als Schulstube.

 

Bereits beim aufmerksamen Lesen wird schnell klar, dass Günther hier einige Häuser verwechselt und sozusagen zusammengepackt hat. Der Hofgarten und der Felsenkeller werden gleichzeitig an zwei verschiedenen Enden der Stadt lokalisiert. Irgend etwas ist hier durcheinander geraten, weil der Hofgarten als Flurname noch heute das Gelände unterhalb des Schenkbarschen Hauses bis zum Kottenbach bezeichnet. Auch der Felsenkeller ist klar dort zu finden.

Da Günther allerdings keine Quellen angibt, ist zu vermuten, dass es sich um mündliche Berichte an den Autor handelt, und dieser dann als Ortsfremder die verschiedenen Lokalitäten falsch verortet hat.

 

Leider wurden genau diese Dinge in der Literatur durch E. Schneegans15 in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts und durch K. Huth im Werk „Biedenkopf, Stadt und Burg im Wandel der Zeit“ von 197716 ungeprüft exakt übernommen. Auf diesem Wege haben es die leicht verdrehten Informationen Günthers aus dem Jahr 1853 über Umwege bis auf die aktuelle Wikipedia-Seite und bis vor Kurzem auch auf die offizielle Homepage der Stadt Biedenkopf geschafft17 und werden von dort aus als Zitat fleißig auf zahlreichen anderen Internetseiten verwandt, kopiert und in Foren gepostet.

 

Das Schenkbarsche Haus selbst wird in kurzer Form auch noch in zahlreichen anderen Büchern, kleinen Werken und Aufsätzen erwähnt und behandelt. So gibt es ein Werk von Frau Dr. E. Blöcher18 über den „Zimmermann im Hinterland“, in dem sowohl die Inschrift über der Tür, auf die ich später noch genauer eingehen werde, als auch Bauarbeiten am Haus im Jahre 1565 Erwähnung finden19. Außerdem gibt es in den Aufstellungen der „Kunst- Kultur und Baudenkmäler des Kreises Biedenkopf“ immer wieder kurze Erwähnungen des Hauses20, die allerdings sehr unterschiedlich sind und dem jeweils aktuellen Wissensstand der Zeit entsprechen, wie etwa in den verschiedenen Ausgaben des Dehio21.

 

Einen sehr fundiert belegten und recht umfangreiche Artikel für die „Hinterländer Geschichtsblätter“ schrieb Frau Dr. Elsa Blöcher im Jahr 1969, welcher auch nochmals in ihrem Buch „Beiträge zur Hinterländer Geschichte“ aus dem Jahr 1985 ab Seite 191 abgedruckt wurde.

Hier geht Frau Blöcher der Fragestellung nach, ob die Universität von Marburg, wie überliefert, im Jahre 1563 im Haus untergebracht gewesen sein kann, und stellt die Frage nach dem Baujahr.

Zunächst wird darin angemerkt, dass in den Dokumenten der Universität Marburg selbst nichts von einer Verlegung nach Biedenkopf vermerkt sei.

 

Allerdings berichtete der Sohn des Justus Vultejus22, Hermann Vultejus23, darüber in seiner Lebensbeschreibung des Vaters. Außerdem gebe es das lateinische Gedicht aus der Feder des J. Vultejus, das die Biedenkopfer Bürger für ihre Gastfreundschaft in dieser schweren Zeit rühmt. Des Weiteren wird angeführt, dass im Jahr 1611 wegen der Pest diesmal nicht die Universität, sondern die Regierung von Marburg nach Biedenkopf geflohen sei.24

Weiter argumentiert Frau Blöcher mit einem handgeschriebenen Zettel, der die lateinische Inschrift über der Tür in Übersetzung wiedergebe und eine Jahreszahl, nämlich 1265 anführe. (Dieser Zettel liegt mir selbst ausgehändigt als Kopie und übergeben von dem ehemaligen Besitzer des Schenkbarschen Hauses Herrn Karl-Gottfried Eckel vor, in deren Eigentum sich das Original des Zettels noch heute befindet.)

 

Dr. Blöcher merkt an, dass man die Zahlen in dieser Zeit leicht verwechseln könne und so aus einer 2 eine 5 usw. werden könne. Des Weiteren liest Dr. Blöcher in der Inschrift über der Haustür die Schreibweise „Schencbariana Cohors“ und berichtet von einem Schultheiß von Biedenkopf mit Namen Heinrich Schenckbar, der Anfang des 17. Jahrhunderts einige Urkunden, die ihr bekannt seien, gesiegelt habe. Daraus und aus weiteren den Schultheiß Schenckbar betreffenden Informationen, wie etwa Lebens- oder Amtsdaten, schloss Blöcher, dass das Haus zwischen 1606 und 1608 erbaut sein müsse.

 

Zum Ende wird im Artikel von Blöcher eine Aufzeichnung über einen Besuch des Architekten Dr. K. Rumpf25 aus dem Jahre 1966 angeführt und zitiert. Auch er datiere das Baujahr des Hauses um das Jahr 1600 herum und halte es sogar für möglich, dass der zweite Stock und das Dach aus dem 18. Jahrhundert sein könnten. Sogar den Gewölbekeller datiere er ins 17. Jahrhundert. Wobei er zum Beispiel zwei gotische Sandsteintüren erwähnt, die fein profiliert in gotischen Spitzbögen ausliefen. Diese hat es leider nie im Keller des Schenkbarschen Hauses gegeben. Für mich ist es sehr fraglich, in welchem Haus und in welchem Keller Dr. Rumpf seinerzeit gewesen ist. Auch entdeckte Rumpf im Fachwerk Ansätze zum „Wilden Mann“26. Auch diesen suche ich seit Jahren vergeblich.

 

Am 26.01.1987 wurde im Rahmen der Ausbesserung der westlichen Giebelseite und des Austauschs von Schwellenbalken ein bauhistorisches Gutachten bei einem Institut für Bauforschung erstellt. Das Gutachten wurde in Auftrag gegeben von einer Gesellschaft, die sich als Treuhänderin der Stadt Biedenkopf mit dem Thema Sanierung und Städteplanung beschäftigte27. Dies wird später hier noch eine Rolle spielen. Bereits im Vorwort des Gutachtens wird angeführt, dass man die Untersuchung nicht vollumfänglich habe machen können, da die Haushälfte Nr. 9 bewohnt sei und nicht alle Wände geöffnet und dendrochronologisch beprobt hätten werden können. Bei dem Unterpunkt „Schrifttum“ (das Gutachten ist in verschiedene Abschnitte gegliedert) wird zwischen den Zeilen klar die vorab getroffene Intension für das Gutachten ersichtlich. Man wolle bewußt die „alten Sagen“ widerlegen. Hierfür werden in der Argumentation des Gutachters nochmals sowohl der Artikel von Dr. Blöcher, als auch der Besuch von Dr. Rumpf erwähnt, zitiert und herangezogen, die von mir vorher bereits einzeln dargestellt wurden. Als Negativbeispiel für die nahezu kindliche Vorliebe fürs Fabulieren werden vom Gutachter, ohne Quellenangaben zu nennen, Teile von dem am Beginn dieses Kapitels besprochenen Werkes von Günther aus dem 19. Jahrhundert zitiert.

 

Das Gutachten liefert aber wirklich gute und nützliche Daten im Rahmen einer Aufstellung der Bewohner und Besitzverhältnisse beider Hausteile vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Im Kapitel über die Baugeschichte und die Konstruktion wird mehrfach angemerkt, dass die eigentlich wichtigen Untersuchungen aus Rücksicht auf die Bewohner nicht möglich gewesen seien. Unter Punkt fünf wird im Vorwort nochmals erwähnt, was dem Haus in der Vergangenheit alles an „Anekdoten“ „angedichtet“ worden sei, bevor der Gutachter zur endgültigen Beweisführung durch die dendrochronologische Untersuchung übergeht.

 

Man entnahm 4 Proben aus den ausgewechselten Balken der Westwand und 5 Proben aus dem Dachstuhl. Bei allen Proben war das Ergebnis das Jahr 1610. Bei all diesen Ergebnissen wird ein Vorgängerbau nicht erwähnt, so als hätte es ihn nicht gegeben. Allerdings hätte ein Rücksprache mit jedem Zimmermann und jedem Dachdecker ergeben, dass es sich genau bei den Hölzer die hier zur Probeentnahme dienten, um diejenigen handelte, die bei einem Gebäude am schnellsten morsch werden und ausgetauscht werden müssen. Hölzer der westlichen Wetterseite und des Dachstuhls sind von Natur aus am anfälligsten und müssen bei nahezu allen Gebäuden regelmäßig alle 150 bis 200 Jahre ausgetauscht werden. Ebenso die Schwellen28, auf denen sich die Feuchtigkeit sammelt. Dies wird jeder Besitzer eines Fachwerkhauses bestätigen.

 

Auffällig ist weiterhin, dass es interessanterweise Bohrlöcher zur Entnahme von Proben gibt, die auch mit Kreide als solche gekennzeichent wurden, die aber dann im Gutachten nicht auftauchen. Es wäre üblich gewesen diese Entnahmen zumindest zu vermerken und als beispielsweise unbrauchbar oder undatierbar zu kennzeichnen. Auch die erwähnten Nummerierungen fehlen im Gutachten und es bleiben unüblicherweise ganze vorgesehene Zeilen in der Datierungstabelle leer. Sicherlich sind oft viele entnommene Proben aufgrund von fehlenden Waldkanten usw. nicht brauchbar, und auch in der Auswertung unterlaufen Menschen menschliche Fehler, aber merkwürdig finde ich doch, dass nur die Teile des Hauses erfolgreich datiert werden konnten, die ohnehin als nachträglich hinzugefügt oder spätere Reparaturen gelten konnten, während ausgerechnet die interessanten Proben aus anderen Teilen des Gebäudes nie zu einem Ergebnis führten und im Gutachten auch nicht erwähnt wurden. Allerdings wird im Gutachten selbst ja eingeräumt, dass ein endgültiges Ergebnis nicht erzielt werden könne, da man weder Innenwände noch tragende Elemente oder Deckenbalken und Unterzüge habe untersuchen können ohne die Gesamtsubstanz zu beschädigen.

 

Aus einem Dokument der Stadt Biedenkopf aus dem Mai des Jahres 2009 wird deutlich, warum es für ein Vorhaben vielleicht sogar sinnvoll gewesen sein könnte, dass das Gebäude jünger und eben nicht so geschichtsträchtig ist als vorher gedacht. Neben den Umbauplänen eines hiesigen Architekten liegt mir auch der Stadtumbauplan vor. Aus diesem Stadtumbauplan und den Architektenplänen wird überdeutlich, was man mit dem Schenkbarschen Haus vor hatte. Es sollte zu einem Mehrfamilienhaus für drei größere Mietparteien umgebaut werden. Jede Partei sollte dabei ein durchgehendes Stockwerk mit entsprechenden Durchbrüchen und Niveauangleichungen erhalten. Neben einer kompletten Entkernung waren massive Eingriffe in die Bausubstanz vorgesehen. Noch im selben Jahr wurde das Gebäude allerdings durch uns erworben, was in diesem Stadtumbauplan auch als positiv vermerkt ist. So ist das Haus nur um einige Monate vor seinem Untergang als Baudenkmal gerettet worden. Wären die Eingriffe vorgenommen worden, wären alle historischen Spuren für alle Ewigkeit untergegangen.

 

Mit dem Wissensstand und im Bewußtsein, hier sei z.B. nie die Universität untergebracht gewesen haben wir also ein Haus aus dem Jahr 1610 gekauft und nach und nach begonnen zu bauen, zu forschen und zu dokumentieren. Doch das war erst der Anfang.

 

 

 

 

 

Zweifel und erste Erklärungsversuche

 

 

Noch vor Beginn der eigentlichen Bauarbeiten zur Ausbesserung und Renovierung des Hauses nahm ich Kontakt mit dem Landesamt für Denkmalpflege auf und bat um eine gemeinsame Besichtigung der Schäden gemeinsam mit dem Landeskonservator Dr. Buchstab und einem Vertreter der untere Denkmalschutzbehörde. Bei diesem Termin wurden hauptsächlich die Außenanlagen, die Befestigungsanlagen zum Kottenbach hin und der Keller begutachtet, da die Innenräume durch moderne Einbauten und Verkleidungen noch nicht untersuchbar waren.

 

Die Scheune und das Haus selbst ruhen mit der Ostseite auf der Stadtmauer, die sich von der Toranlage der „Neuen Pforte“ bis zur süd-östlichen Hausecke erstreckt. Offensichtlich sind Teile der Torgebäude29, wie etwa Auflager für hölzerne Tore oder abgerundete Ecken von ehemaligen runden Gebäuden in das heutige Scheunengebäude intergriert worden. Auch gibt es eine steinerne Außentreppe zum Hofgarten hin, die in mittelalterlicher Bauweise auch heute noch in Teilen besteht und benutzbar ist. Unterhalb des Scheunengebäudes birgt die Mauer Vertiefungen für Balkenauflager für umlaufende hölzerne Verteidigungsbalustrade, die auf die frühere Nutzung als Wehranlage hinweisen. An der süd-östlichen Hausecke befindet sich der Stumpf eines Wehrturmes, der damals aufgrund mehrerer kleiner drum herum errichteter Schuppen fast unsichtbar war. Sogar so manchem älteren und interessierten Bürger war die Existenz des Turmes nicht bekannt, so sehr war er durch die vielen Um-, An- und Aufbauten versteckt. Nach Abriss dieser kleinen Gebäude wurde ersichtlich, dass es sich nicht, wie bisher angenommen, um einen Schalenturm30 der Stadtbefestigung handelt, sondern um einen voll ausgeführten Rundturm.

 

 

Auch hier gibt es hervorkragenden Auflagersteine für längst verschwundene hölzerne Anbauten und es wurden sogar mehrere Steinmetzzeichen gefunden.

 

Der große Gewölbekeller von 8 Metern Länge, 5 Metern Breite und 4 Metern Höhe ist mit dieser Mauer und dem Turm verzahnt31 errichtet worden. Es ist keine Baunaht dazwischen ersichtlich, die darauf schließen lässt, dass der Keller nachträglich an die bestehende Stadtmauer oder den Wehrturm angebaut oder angelehnt worden ist. Außerdem gibt es einen kleinen Durchbruch in der Südwand des Kellers, der nur kriechend betreten werden kann. Er führt etwa 4 - 5 Meter in östliche Richtung und endet in einer in den Fels gearbeiteten winzigen Kammer, die unterhalb des Turmes liegt. Der Keller hat weiterhin einen aus Sandstein gefertigten romanischen Türbogen, der ähnlich wie Teile des Bergfriedes auf dem Schloß in Biedenkopf, ausschließlich mit einem Spitzmeißel geglättet worden ist. Der Einsatz eines Zahneisens32 oder eines Scharriereisens33, wie sie erst nach in der Gotik nach 1200 bzw. ab 1450 in Mitteleuropa benutzt wurden, ist nicht zu erkennen.

 

Neben einem zugemauerten ehemaligen Durchgang zwischen der Treppe zum Keller, also dem Kellerhals34, und einem höhergelegenen Flachdeckenkeller, befindet sich in der gegenüber liegenden Wand eine Niesche in mittelalterlicher Ausführung, wie sie in der Gotik oder Romanik üblich waren, aber nicht mehr im Barock oder in der Renaissance. Auch gibt es eine weitere Treppe, die von dem Flachdeckenkeller durch eine Falltür in das Erdgeschoß des Hauses führt, die man nur kriechend nutzen kann, da ein Schwellenbalken einer offensichtlich nachträglich eingefügten Wand im Wege ist und die Passage durch die Treppe sehr erschwert.

 

Vom Gesamteindruck und den kunsthistorischen Details liegt es nahe, dass dieser Keller nicht aus der Zeit der Renaissance oder des Barock stammen kann, sondern in seiner Ausführung auf das Mittelalter, genauer sogar auf eine Zeit vor 1200 hinweist.

 

 

 

Dies gab mir nun doch zu denken. Es musste also zumindest ein Vorgängergebäude gegeben haben, dessen Keller bis heute erhalten ist. Ich las also ein wenig im historischen Ortslexikon von Dr. Reuling, sichtete die alten Stiche der Stadt Biedenkopf und nahm diese genauer unter die Lupe.

 

Neben dem Stich von Kieser35 aus dem Jahr 1629 und dem bekannten Merianstich36 von 1646, auf denen das Haus oberhalb der Stadtkirche deutlich zu erkennen ist, fand ich auch noch zwei Kupferstiche von Dillich37 aus den Jahren 1605 und 1591.38 Zu meiner großen Verwunderung waren sich diese in der Darstellung des Bereiches hinter der Kirche nicht nur ähnlich, sondern nahezu identisch. Die Stiche erwiesen sich leider nicht als Einzelabbildungen, sondern waren immer Zitate der jeweils älteren Darstellung, die als Vorlage gedient hatte. Also interessierte mich am meisten die älteste Abbildung, die von Dillich. Deutlich ragt das angeblich erst 1610 errichtete Haus auf dem 1591 gestochenen Bild hinter der Stadtkirche hervor. War es das Vorgängergebäude, das dort abgebildet war? Aber warum war es dem heutigen in seiner Höhe und Erscheinung so ähnlich?

 

Endlich war nach einer Zeit der Innenarbeiten und nach dem Umzug von Wallau in „mein“ Haus die Zeit gekommen,wo an der Frontseite das Gerüst aufgeschlagen wurde. Endlich konnte man alle Bereiche der Fassade in Augenschein nehmen. Eindrucksvoll war es, sich das Bandelwerk und den Zahnschnitt und die aus dem massiven Balken heraus geschnitzten Schnecken im Giebel des Zwerchhauses von Nahem zu betrachten.

 

Noch am ersten Abend legten wir uns mit der Taschenlampe bewaffnet auf das nun zugängliche Vordach der Haustür, um bei optimalem Streiflicht den lateinischen Spruch in Augenschein zu nehmen. Stundenlang zeichneten wir die einzelnen erkennbaren Buchstaben auf, fotografierten und leuchteten jede Einzelheit genauestens aus. Dies wiederholten wir in allen erdenklichen Lichtverhältnissen an vielen Folgetagen immer wieder, da wir einige Buchstaben bei aller angewandten Phantasie nicht so lesen konnte, wie diese in der Literatur aufgezeichnet waren.

Besonders das B im Wort „Schencbariana“ konnten wir auf keinen Fall bestätigen. Der Bogen, der ein B am oberen sowie am unteren Ende abschließen muss, um es von einem K oder R zu unterscheiden, war im Holz in gar keinem Fall vorhanden. Es hieß also tatsächlich „Schenckariana Cohors“

 

 

 

Der gesamte Spruch konnte wie folgt identifiziert werden:

 

haec domus auxilio praesentextructa supernis
fundamenti nostro principe dante locum
huius sit faelix ingressus et exitus omnis
ipsius en faelix schenckariana cohors

 

 

 

 

Übersetzung:

Dieses Haus wurde mit der Hilfe der gegenwärtigen Obrigkeiten errichteten

am Ort des Lehens, das uns der gnädige Landesherr gegeben hat

glücklich sei eines jeden Eingang und Ausgang

genauso glücklich wie die Gefolgsleute der Schencken.39

Weshalb konnten die alten Annahmen also nicht stehen bleiben?

Schenckbariana Cohors: Als Schultheiß war Heinrich Schenckbar nicht nur für die öffentlich Ordnung, die Sicherheit und die Wahrung der landgräflichen Interessen verantwortlich, sondern er war auch oberster Richter und befehligte die städtischen Wachen, die laut Stadtbuch Biedenkopf nicht nur der Stadt zur Verteidigung der Mauern, sondern auch dem Landgrafen zur Verfügung stehen mussten. So gesehen hatte das Haus selbstverständlich etwas mit Kohorten, also mit Kriegsvolk, zu tun. Allerdings wäre es rechtlich ausgeschlossen und seinem Dienstherren gegenüber nahezu anmaßend gewesen, diese Streitkräfte als "Schenckbarsche Kohorten" zu bezeichnen, da Heinrich Schenckbar selbst zwar ein hohes Amt bekleidete, aber lediglich bürgerlicher Herkunft war.

Die andere Lesart des Wortes "Cohors" im Sinne von "Gefolgschaft" ist bei einem Amtsträger bürgerlichen Standes sogar noch unwahrscheinlicher, da er sich durch die Wortwahl „Gefolgschaft oder Untertanen des Hauses Schenckbar“ sozusagen selbst geadelt hätte, was niemals geduldet worden wäre (Begründung siehe Fußnote Nr. 37).

 

Die philologische Sprachwissenschaft kommt zu Hilfe:

Seit alten Zeiten wurde in Biedenkopf behauptet, dass zu den Pestzeiten des 16.Jahrhunderts das Pädagogium40 der Marburger Universität mit ihrem Professor Vultejus nach Biedenkopf gekommen sei und das Schenckhaus als Aula und Mensa genutzt habe. Vultejus schrieb als Dank für die herzliche Aufnahme in Biedenkopf ein lateinisches Gedicht, das uns überliefert ist und in der Marburger Uni-Bibliothek aufbewahrt wird. In diesem Gedicht kommen einige für Vultejus und seine Zeit sehr typische grammatikalische Besonderheiten vor, die wohl auch dem Dichter zu Eigen waren. Es spiegelt sozusagen sein eigenes Sprachgefühl wieder. Auch was den Rhythmus und die Wahl der lateinischen Wörter angeht, ist das Gedicht nahezu unverwechselbar, aber auf jeden Fall zeittypisch für die Zeit um 1550. Dasselbe Sprachgefühl spiegelt sich nun auch bei unserem hier vorliegenden Hausspruch wieder, und der Verdacht liegt nahe, dass auch dieser kleine Hexameter aus der Feder des Vultejus stammen könnte, der so oder so der Stadt Biedenkopf mehr als freundschaftlich verbunden war.

 

Nun stört uns natürlich einfach die Tatsache, dass zu Zeiten des Heinrich Schenckbar nicht nur die lateinischen Hexameterdichtungen der Hochrenaissance längst aus der Mode gekommen waren, sondern unser Professor Vultejus bereits seit Jahren verstorben war41.

 

So gibt es in der ursprünglichen Besitzerfamilie des Hauses mit Namen Eckel bzw. Bast eine Überlieferung, die, wie bereits vorher erwähnt, auch bei Dr. Blöcher Erwähnung findet. Es soll eine sehr viel früher angefertigte Abschrift der Zeilen über der Tür geben, die nicht nur in manchen Worten zu der heutigen Lesart variieren, sondern es soll eine weitere Zeile gegeben haben, in der damals wohl auch das Datum der Jahreszahl noch lesbar gewesen sein muss.

 

Mir liegt dieser Zettel dank Herrn Eckel nun vor: geschrieben wurde er ca. 1925 in deutscher Schrift. Dort steht: Erbaut im Jahr 1265. Dieses Datum ist als solches zunächst unter realistischen Tatsachen zu belächeln, allerdings sieht die Sache komplett anders aus, wenn wir uns die Zahlenorthographie des 16. Jahrhunderts genauer anschauen. Das Problem bei den lang gezogenen Zahlen der Renaissance und gerade bei in Holz eingeschnitzten Ziffern ist, dass sich die Zahlen 2, 3 und die 5 in manchen Schriftstilen zum verwechseln ähnlich sehen, so z.B. in einer Hausinschrift in Herborn, die die Jahreszahl 1550 nennt (siehe Bild unten). Aus 1562 oder 1563 könnte so für einen ungeübten Leser leicht die Zahl 1265 werden. Dieser Zeitraum paßt haargenau in die Zeit der Verbindung zur Marburger Universität und zu unserem Philosophen Vultejus, der im Jahr 1563 mit seinen Schülern aus Marburg vor der Pest nach Biedenkopf geflohen war.

 

Nun beißt sich der Hund selbst in den Schwanz: Wie kommt aber nun im Jahre 1562/63/65 ein Schenckbar in unseren Spruch, wenn dieser doch noch gar nicht geboren war? Könnte es vielleicht doch Schenckariana Cohors heißen? Die Quellenlage ist zunächst noch stumm. Es heißt nur bei Dr. Blöcher, dass in Biedenkopf niemals ein Schenck von Schweinsberg Wohnung genommen hätte, und es deshalb keine Verbindung gäbe. Ausgenommen die Zeit zwischen 1385 und 1425, als ein Schenck immerhin ein Drittel der Stadteinkünfte als Pfand inne hatte. In Verbindung mit einem Adelsgeschlecht wie den Schencken würde die Wortwahl und das Selbstbewußtsein auf unserer Tafel einen Sinn ergeben. Die Schencken waren aber aufgrund des Textes von Frau Dr. Blöcher zunächst gedanklich auszuschließen, und die Angelegenheit wurde immer geheimnisvoller und undurchsichtiger.

 

Einige Zeit später begannen wir damit, die Wände und Decken von den modernen Trockenbaueinheiten zu befreien. Wir stießen neben wunderschönen Deckenbalkenstrukturen und Ornamenten aus der Renaissance und weiteren sehr interessanten Einbauten und Funden auf zwei sehr erstaunliche Dinge.

 

In der ehemaligen „schwarzen Küche“, auch Rauchküche genannt, fanden wir Spuren der früheren offenen Feuerstelle. Der Durchbruch zwischen dem Erdgeschoss und dem ersten Stock war lediglich durch Bodendielen verschlossen worden, so dass wir den Bereich des Rauchabzuges oder der Esse sehr einfach wieder öffnen konnten. Die Decke über dem Rauchhaus war pechschwarz mit Ruß bedeckt, wie der gesamte erhaltene Wandbereich. Die Decke wies mehrere nachweisbare Löcher auf, die den aufgefangenen Rauch durch den Boden in das darüber liegende Dachgeschoss ableiten sollten. Von dort verteilte sich der Rauch im Dachstuhl und wurde durch seitliche Öffnungen im Giebelbereich durch Zugluft nach außen geführt. Diese Bauweise ist typisch für die Zeit bevor es, außer in manchen Steinhäusern oder Burgen, generell Schornsteine gab, die über das Dach hinaus ragten.

 

Die Sache hatte hier nur eine nicht zu erklärende Unlogik, denn über den Abzugslöchern war nicht der Dachstuhl, sondern das zweite Obergeschoss mit weiteren Wohnräumen. Wäre das Rauchhaus also so in Gebrauch gewesen, hätte es in den Wohnräumen darüber aus dem Fußboden gequalmt, was auch in früheren Jahrhunderten unüblich war und gewiss als störend empfunden worden wäre. Die Lösung kann also nur sein, dass sich früher einmal über dem ersten Stock direkt das Dachgeschoss befand, und der zweite Stock zu irgendeiner Bauphase noch nicht existierte. War das Gebäude ursprünglich nur zweistöckig? Das widerspräche aber den Gutachten, aus denen hervorging, dass alles sozusagen in einem Zug und an einem Stück im Jahre 1610 errichtet worden sein soll.

 

Desweiteren fanden wir eine zugemauerte Feuerungsstelle für einen Ofen oder Herd in der heute als „weiße Küche“42 bezeichnet Räumlichkeit. Dort eingemauert fand sich eine fragmentierte Ofenkachel aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Durch die Machart und die darauf abgebildeten Darstellungen ließ diese sich nach Meinung der um Stellungnahme gebetenen Archäologen und Kunsthistoriker in das 16. Jahrhundert einordnen. Abgebildet ist, neben mehreren Heiligenfiguren auf dem sehr schmalen Rand, im Zentrum der Kachel ein hessisches Landeswappen mit der Helmzier der „belaubter Hörner“.

 

Die Amtszeit von Heinrich Schenckbar und die angebliche Bauzeit für das Gesamtgebäude fällt aber zufällig in die Zeit zwischen 1606 und 1624. In dieser Zeit wurde vorübergehend unter Landgraf Moritz das reformierte Bekenntnis statt des lutherischen eingeführt. Wie bekannt, ist gerade die Darstellung von Heiligen bei dieser Ausrichtung des Protestantismus nicht nur eher unüblich, sondern wurde teilweise, wie etwa im benachbarten Frankenberg, sogar offen mit der sogenannten Bilderstürmerei bekämpft. Eine Ofenkachel mit einer Szene aus der Bibel wäre auch bei Calvinisten vielleicht denkbar gewesen, als Begleitfiguren aber auf einem sehr schmalen Rand wohl doch eher, wie bei Vergleichsstücken am Schloss in Berleburg, durch Pflanzenranken ersetzt worden. Immerhin wurde das Model einer Kachel ja nicht in einem Stück modelliert, sondern aus mehreren Teilen zusammengesetzt, die frei austauschbar waren und dem Kundenwunsch gemäß kombiniert wurden. Also eher unwahrscheinlich, dass sich gerade Herr Schenckbar als überzeugter Calvinist einen solchen Ofen mit Heiligen einbauen ließ. Eher hat er den von vorher vorhandenen Ofen außer Dienst stellen lassen und die Fragmente zur Verfüllung des Ofenloches genutzt. Vielleicht war der Ofen auch einfach defekt und musste ersetzt werden. All das ändert aber nichts an der Datierung der Ofenkachel auf eine Zeit deutlich vor 1610.

 

Hinzu kamen nach und nach gemachte Funde, die unter Dielenbrettern, in den Schüttungen über dem Kellergewölbe oder bei anderen Ausbesserungsarbeiten ans Tageslicht kamen. So fanden sich im Lehm, in den Mauern und im Keller und auch ganz banal im Garten hunderte hochmittelalterliche Scherben und Gefäßfragmente. Außerdem im Fußboden der schwarzen Küche eine verzierte Metallniete, die wie auch ein Rechenpfennig43 und eine kleine blaue Halbedelsteinperle den Archäologen in Marburg vorgelegt wurden.

 

Die Niete ist ins 14. - 15. Jahrhundert zu datieren, während man bei den anderen Funden lediglich die allgemeinere Aussage „hochmittelalterlich“ oder „spätmittellalterlich – frühneuzeitlich“ treffen kann. Desweiteren gab es einige kunsthistorische und bautechnische Indizien, die auf eine teilweise Entstehung vor dem Jahr 1610 deuteten. So gab es in manchen Innenräumen Malereien, die auf die Renaissance hinwiesen, aber auch einfache schwarze Umrandungen von Gefachen, wie sie den mittelalterlichen Raumeindruck bestimmten, da in dieser Zeit die Fachwerkbalken auch im Inneren sichtbar blieben. Die Wände waren vor dem 17. Jahrhundert dann meist entweder komplett weiß gekalkt, oder die Gefache waren schwarz umrandet44. Zwei der Eckständer weisen auch heute noch Aussparungen als Auflagerflächen für ein ehemaliges aber jetzt längst verändertes Bodenniveau auf. Auf gleicher Höhe sind an einer Wand der Nordseite des Hauses zwischen Schwelle und einem Holzauflager die Reste der ehemaligen Fußbodendielen bis nach außen sichtbar geführt. Unter einer kleinen Schicht Putz kamen diese wieder zum Vorschein. Die Bodendielen eines Fußboden derart sichtbar bis nach außen durchzuziehen war nur in etwa um das Jahr 1500 üblich45, kommt aber weder wesentlich früher noch viel später vor.

 

Erklären konnte ich mir all diese Tatsachen damals noch nicht, aber in mir wuchs die Vermutung, dass an den als unverrückbar geltenden Erkenntnissen bezüglich der Bauzeit des Hauses in der Spätrenaissance etwas nicht stimmen konnte. Also begann ich weiter zu forschen.

 

 

 

 


 

 

 

 

 

Ein Trugschluss und seine Auswirkungen

 

Um es gleich vorweg zu nehmen: In diesem Kapitel gestehe ich mir und meinem Umfeld einen Fehler ein, der mir mangels anderer Quellen und Erkenntnisse passieren musste oder zumindest konnte. Dieser Fehler war aber ohne die jetzt erst entdeckten Dokumente in sich selbst

so logisch, dass er bis zum Schluß stichhaltig und plausibel blieb. Das Folgende ist also nicht mehr der aktuelle Stand, aber ohne Kenntnis dieses Fehlers ist der heutige Wissensstand nicht zu verstehen. Deshalb schildere ich die Geschichte des Fehlers hier so ausführlich.

 

Da es in Fachkreisen und auch aufgrund des durch Dr. Blöcher entdeckten Schultheißen Heinrich Schenckbar unstrittig war, dass das Haus im 17. und 18. Jahrhundert als Amtshaus diente, war es seit den 60er Jahren selbstverständlich, dass es dem Land Hessen46 und somit dem hessischen Landgrafen gehörte.

Ich machte mich also ans Werk und suchte über Quellen wie Literatur, Internet und Genealogie47 sämtliche Nachfolger und auch Vorgänger des Herrn Schenckbar heraus und nahm an, dass diese mit ihren Familien die ehemaligen Bewohner des Hauses waren, die es sozusagen als Amtssitz und Wohnung nutzten.

 

Die Familien der Bewohner ab etwa 1800 waren mir bereits bekannt und eine Liste der früheren Schultheißen im Amt Biedenkopf hatte ich ausgearbeitet, als mir die Ahnenforschung in die Hände spielte. Die Bewohner beider Haushälften stammten in ihrem Ursprung von der ersten namentlich sicher bekannten Bewohnerin ab, nämlich der Witwe Koßmann (manchmal auch Kossmann geschrieben). Diese war die Ehefrau von Pfarrer Koßmann aus Geismar bei Frankenberg, die nach dem Tod ihres Mannes mit ihren Kindern nach Biedenkopf übersiedelte48. Eine ihrer Töchter heiratete einen Herrn Plitt49. Aus dieser Ehe stammten die Nachkommen der Haushälfte Nr. 8 über wiederholte weibliche Erbfolge und damit verbundener Namensänderung von Frohnhäuser, Kriech, Keller hin zu Bast und Eckel. Der Sohn der Witwe Koßmann in Haushälfte Nr. 9 war der Vorfahre der Familie Bertram, die diese Haushälfte bis zum Verkauf im 20. Jahrhundert in Besitz hatte.

Nun kam die Frage auf, warum die Witwe Koßmann nach Biedenkopf ging. Sie war eine geborene Junghenn und eine Enkelin des vorletzten Amtsschultheiß Schmidtborn50. Die Familie Schmidtborn hatte in drei Generationen das Schultheißenamt über nahezu das gesamte 18. Jahrhundert inne. Davor, also im 17. Jahrhundert, hatten die Familien Walther und Zießler dieses Amt. Ich konnte damals noch keine Verbindung zwischen Schmidtborn, Zießler und Walther herstellen, die es allerdings gab, was sich aber erst wesentlich später herausstellen sollte.

 

Für die Vergangenheit, also die Zeit vor Heinrich Schenckbar, nahm ich an, dass das Haus, wie auch später,den Schultheißen als Amtswohnung diente. Ich suchte also nach Inhabern dieses Amtes in der Zeit vor Herrn Schenckbar. So stieß ich bei meinen Nachforschungen auf die beim Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde an der Universität in Marburg zugänglich gemachten Regesten der Landgrafen. Bei diesen Regesten handelt es sich um Briefe und schriftliche Notizen, oft mit Anweisungen oder z.B. Rechnungen des Landgrafen an seine Amtsleute und Lehensnehmer oder umgekehrt. Es sind sozusagen die Notizzettel des Mittelalters, die später dann als Vorlage für eine saubere Übertragung in Rechnungsbücher etc dienten.

 

Hier stieß ich unter anderem auf folgendes Regest:

 

[Gießen]. - Landgraf Wilhelm [III.] d. J. fordert Rentmeister und Schultheiß zu Biedenkopf auf, das fertige Haus(gerüst) zu heben, zu decken, mit Fachwerk auszustatten (zu cleyben)51 und alles sonstige zum Ausrichten des Baues sonst noch Erforderliche zu veranlassen.

Giessen am Donnerstag nach Assumptionis Marie a. etc. 91. (18. August 1491)

Nr. 4563 von 11714 Regesten / Bearbeitungsstand des Regests: 6.7.2004

 

Damals nahm ich Folgendes an:

 

Da für das Jahr 1491 keine heute noch bekannte oder zugängliche Urkunde über Bauarbeiten am Schloss Biedenkopf existiert, musste ich davon ausgehen, dass sich das Regest auf eine landgräfliche Baumaßnahme innerhalb der Stadt bezog. Dass es sich hierbei um das Schenkbarsche Haus handeln müsse, schlossen wir aus der Tatsache, dass es um das Aufschlagen eines Fachwerkgebäudes ging, welches sich im Besitz und auf Grund und Boden des Landgrafen befand und dass die Anweisungen direkt an die Amtspersonen, wie Schultheiß und Rentmeister erging, die ja unmittelbar mit dem Amtshaus in Verbindung stehen mussten.

Laut den zuständigen Bauhistorikern und der Denkmalpflege passten die neuen Erkenntnisse sehr gut zu den Befunden und Entdeckungen, so dass wir für die Renovierung und das Einrichten des Museums in der Haushälfte Nr. 9 nicht nur den Hessischen Denkmalschutzpreis bekamen, sondern im Folgejahr auch noch den des Landkreises. Genau diese Preise verpflichten uns vor uns selbst bis heute dazu, immer weiter die Geschichte unseres Hauses zu erforschen.

 

Der Ursprung des gesamten Gebäudes als Teil eines ehemaligen Burgmannssitzes hat sich später jedoch als richtig erwiesen.

Auch hieran sieht man wieder, dass die Geschichtswissenschaft keine statische und für alle Ewigkeit unveränderliche Tatsachenfestschreibung, sondern stets durch neue Erkenntnisse in Bewegung ist.

Nur wer unbefangen und ohne Angst vor Fehlern forscht, kann das Rad der Wissenschaft am Laufen halten und auch durch konstruktive Kritik und Selbstkritik zu neuen Ergebnissen und Erkenntnissen gelangen.

 

So wurde also über mehrere Jahre mal wieder eine Teilwahrheit in dem Bewußtsein kommuniziert, dass sie eine Vollwahrheit sei.

Zwischenzeitlich konnte ich also nur auf die Informationsquellen der bestehenden Literatur und die Daten der Denkmalpflege und des Landesamtes für geschichtliche Landeskunde zurückgreifen, wobei im dortigen „Geschichtlichen Atlas“52 ein Plan für die Entstehung und das Wachsen der Stadt Biedenkopf erstellt wurde, der heute durch neue Erkenntnisse ebenfalls in Teilen anders erstellt worden wäre. So hat Herr Gerald Bamberger vom Hinterlandmuseum einen anderen, alten Plan53 aufgefunden, der sich mit dem Brand und dem Wiederaufbau der Stadt im Jahr 1717 beschäftigt. Dieser Plan und ein hervorragender zugehöriger Artikel wurden durch Herrn Bamberger im Dezember 2013 in den „Hinterländer Geschichtsblättern“54 veröffentlicht. Hier ist zum Beispiel nicht nur deutlich zu sehen, welche Gebäude abgebrannt und welche stehen geblieben waren, sondern auch, dass die gesamte heutige Obergasse noch überhaupt nicht existierte, sondern die heutige Hintergasse einmal die Obergasse war und Vieles mehr. Dieser Plan schreibt sozusagen die Stadtgeschichte ein Stück weit um, da nicht nur in der Literatur, sondern auch im Städteatlas die Obergasse als Keimzelle der Stadt angesehen wurde, was demnach nicht möglich ist. Das Schenkbarsche Haus blieb bei diesem Brand wie überliefert unversehrt, allerdings muss die bis dahin in der Obergasse verortete Döringsburg, also der Burgmannssitz des Rittergeschlechts Döring, in der heutigen Mittelgasse gesucht werden. Diese Döringsburg bestand im Jahre 1717 aber nicht mehr. Was auf dem Plan von 1717 aber auffällig ist, ist ein riesiges zusammenhängendes Gelände zwischen der Scherr am alten Markt und dem Gäßchen beim Schenkbarschen Haus, welches als eine einzige große Parzelle eingetragen ist; der optimale Punkt auf der Karte für die ehemalige Döringsburg, zumal die große Parzelle später einmal in kleine Einzelparzellen aufgeteilt und zum Errichten kleiner Handwerkerhäuser verkauft worden sein soll, woraus noch Jahre später der sogenannte „Döringszins“ erhoben wurde, wie C. F. Günther in seinem bereits erwähnten Buch „Bilder aus der hessischen Vorzeit“ aus dem Jahr 1853 auf Seite 430 erwähnt, was zu einigen Urkunden paßt, die ich später noch erwähnen werde.

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

Die ersten Urkunden

 

 

Das Staatsarchiv in Marburg, welches für unsere Gegend einer der größten Fundgruben für wichtige Quellen zur Geschichte der Orte und Städte Hessens ist, hatte all die Jahre und Jahrzehnte ein sehr altmodisches und nicht ausgereiftes Suchsystem, das es fast unmöglich machte, eine Quelle oder Urkunde ohne die dazu gehörige Signatur aufzufinden. Das hat sich erst in den letzten Jahren durch das System der Suche im Internet grundlegend verbessert. In den Anfangsjahren meiner Forschung bezüglich meines Hauses war das System noch im Aufbau begriffen und wegen Wartungsarbeiten und dem Erfassen neuer Urkunden oft unzugänglich und nicht nutzbar, weshalb ich länger keinen Blick in dieses System geworfen hatte, da ich in früheren Jahren bei meiner Suche zu oft leer ausgegangen war. Das änderte sich schlagartig im Jahr 2017. Eher spaßeshalber gab ich das Wort Schenckbar in das Suchsystem ein und erlebte eine Überraschung.

 

Ich fand eine Urkunde aus dem Jahr 1610. In dieser wurde durch Landgraf Moritz der „Lieutnant und Schultheiß Heinrich Schenckbar“ mit dem „Hofgarten“ als Erblehen bedacht. Hier war es wieder, das magische Jahr 1610, nur diesmal zum ersten Mal in Verbindung mit Herrn Schenckbar und dem Hofgarten. Ich war überglücklich. Aber das war erst der Anfang des Abenteuers.

Ich suchte nun sofort nach Allem, was den Hofgarten betraf. Hier fand ich Urkunden aus den verschiedensten Jahrhunderten und den unterschiedlichsten Zusammenhängen.

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

Bei meinem ersten Besuch im Staatsarchiv seit vielen Jahren saß ich nun da und hatte einen Berg für mich nahezu unleserlicher Akten vor mir aufgetürmt. Aber zum Glück bekam ich Hilfe von verschiedenen Menschen, die mit mir die Urkunden transkribieren55 konnten.

 

Die Urkunde mit der Belehnung von Heinrich Schenckbar war klein und handlich. Ein Stück Pergament und recht leicht zu lesen. (HstAM, Urk. 82,622) Die anderen Urkunden lassen sich gefühlt allerdings eher als „dicke Akten“ bezeichnen.

 

Als erstes begegnete mir Friedrich Koßmann56 wieder, den ich als Sohn der Witwe Koßmann bereits aus meinen früheren Forschungen kannte. Er bat um die Nutzung eines Kirchenstuhls57 und begründete dies damit, dass er ein Nachfahre der alten Patrizierfamilie Walther sei (HstAM, 111pNr 567). Hier war sie also wieder, die verwandtschaftliche Verbindung der Familien, die das Haus nach und nach bewohnt hatten. Alle Erben der Witwe Koßmann gemeinsam versuchen im Jahr 1815 ehemalige Erbleihgrundstücke und damit auch den Hofgarten und das Haus käuflich zu erwerben. Diesem Gesuch wurde stattgegeben, womit das Haus endgültig zum Privatbesitz wurde (HstAM,110Nr7180).

 

Das Haus war also früher ein Erblehen, wie schon in der Urkunde von 1610 mit der Belehnung von Herrn Schenckbar bestätigt. (HstAM Urk.82Nr622).

Zur Hilfe kam mir dann ein Rechtsstreit der in den Jahren1764 bis 1777 geführt wurde. Hier versuchten die Familien Nagel und Pilger aus Dortmund, die von einem Amtsadvokaten Vogel aus Battenberg abstammten, ihren Anteil am Erblehen über den Hofgarten einzuklagen. Es handelte sich also um Erbstreitigkeiten (HStAM111eNr317 und HstAM110Nr7159).

Es ging um die Einkünfte aus dem Hofgarten und den Besitz des Hauses, in dem damals schon unsere Witwe Koßmann saß. Dieser wurde vorgeworfen, dass sie allen Nutzen daraus für sich und ihre Kinder alleine beanspruche. Die Zehnteinkünfte58 aus Dodenau (im Amt Battenberg), Mornhausen (im Amt Biedenkopf) und Ammenhausen (im Amt Blankenstein) scheinen in den meisten Urkunden an den Hofgarten gebunden gewesen zu sein.

 

All diese Einkünfte und eben der Besitz des Hofgartens waren demnach verbunden mit dem sogenannten Waltherischen Erblehen59. Neben vielen zum Teil sehr emotionalen Briefen an den Landgrafen in Darmstadt und vielen als Beleg beigefügten Urkundenabschriften früherer Dokumente, die das Lehen immer wieder bestätigen sollten, wurden auch Stammbäume und Ahnentafeln aufgeführt, um die entsprechenden Abstammung und Verwandtschaftsverhältnisse zu veranschaulichen. Hier finden wir sie alle wieder, die Schmidtborns und die Walthers und zum ersten mal genealogisch einzuordnen die Familie Zießler. Auch wird immer vermerkt, wer wann der Lehensnehmer, also der Inhaber des Gutes, gewesen sei. Damit haben wir hier zum ersten mal die Besitzer- und Bewohnerliste des Schenkbarschen Hauses für die gesamte Zeit ab 1610 vollständig.

Aber die größte Überraschung folgte erst noch, nachdem ich mich weiter auf die Suche nach Dokumenten über den Hofgarten machte.

Zu meinem Erstaunen las ich in einer von Rentmeister Bastian Benner im Jahre 1577 gemachten Aufstellung, dass „der Hofgarten“ und gesondert aufgelistet die „dazu gehörige Hofstatt über dem Kirchhof gelegen“ im Jahre 1575 durch den Landgrafen von Hessen von den Adelsfamilien der Schutzbar, genannt Milchling60, und der Schencken zu Schweinsberg aufgekauft wurde und zwar „gemeinsam mit dem Breidenbacher Grund“ (HstAM,40f,393).

 

Mir wurde heiß und kalt. Plötzlich waren sie wieder da, die Schencken. Sie wurden auf einem ganz anderen, unbekannten und unerwarteten Weg wieder Thema unserer Forschungen und hatten in der Geschichte unseres Hauses sehr wohl eine entscheidende Rolle gespielt.

Wir waren hier also nicht nur in einer Zeit lange vor dem Jahr 1610, sondern zu Herrn Schenckbar gesellten sich nun die Herren Schutzbar und Schenck. Wer hier nicht vor Verwirrung einen Drehwurm bekommt, ist mit allen Wassern gewaschen. In der mündlichen Überlieferung wurde unser Haus auch als „Haus zu Schutz- und Schenckenschanz“ bezeichnet. Gewiss eine phantasiereiche Verballhornung. Aber es kommt mir so vor, als hätte man die Namensbestandteile der beteiligten Familien mehrere Runden durch das Spiel „Stille Post“ geschickt. Wie interessant, was nach Jahrhunderten von mündlichen Überlieferungen bleibt. Man lacht darüber, aber der wahre Kern ist immer ein fester Bestandteil.

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weitere Urkunden ergänzen das Bild

 

 

 

Warum aber musste oder wollte der hessische Landgraf Güter der Schencken und der Milchlings in Biedenkopf und dem Breidenbacher Grund kaufen? Von der Sache her ist das eher unüblich. Eher gab der Landesherr einen Besitz als Lehen weiter, als dass er es sich selbst zu Eigen machte. Um das zu verstehen, müssen wir tief in die Geschichte des Hinterlandes im 16. Jahrhundert eintauchen. Am übersichtlichsten dargestellt ist der Zusammenhang in den „Hinterländer Geschichtsblättern“ aus dem Jahr 1930 Nr. 3.

 

Johann von Breidenbach genannt Breidenstein wurde nicht wie zu erwarten vom hessischen Landgrafen mit seinen Gütern belehnt, sondern durch den Grafen zu Wittgenstein. Das geschah im Jahr 1491. Johanns Sohn Caspar erbte diese Güter und verstarb im Jahr 1541. Er hinterließ keinen männlichen Erben aber zwei Töchter. Die eine Tochter war mit Hartmann Schutzbar genannt Milchling und die andere Tochter mit Hermann Schenck zu Schweinsberg verheiratet. Als nun die beiden Schwiegersöhne Milchling und Schenck das Erbe antraten, wurde die Rechtmäßigkeit des Vorgangs von Anfang an durch die anderen Verwandten im Hause der Herrn von Breidenbach angezweifelt und durch alle damals verfügbaren Instanzen bis hin zum Reichskammergericht eingeklagt. Zunächst wurde der Prozess von Heinz und später von Wolff von Breidenbach geführt. Zunächst bekamen die Schencken und die Milchlings von einem Marburger Gericht Recht und konnten den Besitz frei nutzen, ab den 60er Jahren des 16. Jahrhunderts schwankte die Rechtssprechung mal hin und mal her, bis sich auch der hessische Landgraf, der Fürst von Wittgenstein und das Haus Nassau in den Streit einschalteten.

 

Die Schencken und die Milchlings hatten sich die Besitztümer durch eine Lehensbestätigung des Grafen von Wittgenstein sichern lassen. So war nicht nur die Hälfte des Breidenbacher Grundes, sondern auch alle Besitzungen und Güter des Caspar von Breidenbach genannt Breidenstein in und um Biedenkopf in ihren Besitz gelangt. Ihnen wurde von der hessischen Regierung sogar Landesverrat vorgeworfen, da sie unerlaubt den Lehensherrn gewechselt hätten. Die Sache schlug immer höhere auch diplomatische Wellen, bis der Landgraf von Hessen beschloss, der Sache durch den Ankauf der Güter ein Ende zu setzen. So kamen also alle Casparischen Güter, auch in Biedenkopf, in den Besitz des Landgrafen.

Es galt also jetzt nicht mehr nach Unterlagen über hessischen Landesbesitz zu forschen, sondern nach den Akten bezüglich des Rechtsstreites und nach Gütern der Herren von Breidenbach.

Über den Rechtsstreit sind die Unterlagen im Staatsarchiv sehr vielfältig und sehr umfangreich. Jede Akte besteht aus mehr als 200 handgeschrieben Seiten. Mal argumentiert die eine, dann wieder die andere Seite mit Briefen, Zeugenaussagen und Abschriften älterer Urkunden. Irgendwo hier musste uns das Haus, der Hofgarten oder dasselbe unter anderem Namen wiederbegegnen.

 

Zunächst stieß ich auf einen Vorgang nach dem Ankauf durch den Landgrafen aus dem Jahr 1598 (HStAM, 40 f, 391). Hier bittet der damalige Schultheiß Werner Walleck um die Belehnung mit dem Hofgarten. Zunächst führt der Schultheiß an, dass die ehemaligen Pächter Engelbach und Wagner das Gut vernachlässigt hätten, und dass er es lieber selbst bewirtschaften und wieder in Ordnung bringen wolle. Er habe auch jetzt schon damit begonnen, indem er am Hang zum Kottenbach Bäume gepflanzt und den alten Zaun durch einen neuen habe ersetzen lassen.

Klingt bei der unsicheren und sehr steilen Hanglage, die die Ostseite des Grundstückes bis heute prägt, logisch und sinnvoll. Außerdem spielt genau dieser heruntergekommene Zustand des Anwesens und der Außenanlage und hier besonders des Zaunes am Hang im Weiteren noch eine entscheidende Rolle.

 

Im Zusammenhang mit dem Verkauf an den Landgrafen oder zumindest in dieser Zeitspanne scheint sich die Bezeichnung Hofgarten für das gesamte Anwesen überhaupt erst durchgesetzt zu haben, denn im nächsten Dokument (HStAM, 257, B 341), nämlich den eigentlichen Auseinandersetzungen zwischen den von Breidenbach und den Schencken und Milchlings wird immer von „unserem Hof am Hang des Burgberges zum Kottenbach hin“ die Rede sein. Dieser Garten bzw. dieser Hof, der im Dokument teilweise auch als „Sitz“ oder „Burgsitzhof“ und „Erbhof“ bezeichnet wird, ist dennoch eindeutig als der Hofgarten zu identifizieren: Nicht nur durch die Lage innerhalb der Stadt und mit Garten zum Kottenbach hin und aufgrund seiner beschriebenen Hanglage, sondern auch durch den hier wieder mehrfach erwähnten und thematisierten Zaun, der scheinbar deshalb so wichtig war, weil er nicht nur den Garten einfriedete, sondern auch den Hang schützen sollte. Außerdem kam es im gleichen Dokument zum Streit zwischen der Stadt Biedenkopf und der Familie von Breidenbach wegen der entstandenen Rechnungen für die Ausbesserungen. Die Stadt stand auf dem Standpunkt, dass die von Breidenbach zahlen müssen, da es hier schlichtweg um die Sicherung der eigenen Grundstücksgrenze derer von Breidenbach ginge und die Familie als Inhaberin eines Burgmannshofes ohnehin gemäß des Lehensvertrages zu Wehr- und Schanzarbeiten verpflichtet sei. Dem gegenüber vertrat die Adelsfamilie den Standpunkt, dass die Stadt, wie damals üblich, selbst für ihre eigene Stadtbefestigung aufkommen müsse, auch wenn die Stadtmauer und die Wehranlagen mitten durch den Garten der Familie von Breidenbach verlief.

 

Auch in diesem Dokument wird der schlechte Zustand des Gutes beklagt und als Beweis dafür angeführt, dass eben die Schencken und Milchlings nicht pfleglich und pflichtbewußt mit dem Lehen umgegangen seien, was im übrigen in den Forderungen an den Lehensnehmer in solchen Belehnungsurkunden immer wieder extra aufgeführt wird und sozusagen bei Nichteinhaltung zum Vertragsbruch führen konnte und damit zum Entzug des Lehens.

Die Dokumente reichen bis ins Jahr 1541 zurück und erwähnen hier auch noch ältere Belehnungen der Herren von Breidenbach mit nicht nur einem, sondern mit zwei Burglehen, jeweils mit den dazu gehörigen Behausungen innerhalb der Stadt (HStAD Bestand E 14 G in Nr. 2/1).

So ist auch Teil der Auseinandersetzung, ob der Besitzer eines Burglehens unbedingt in der Burg oder in seinem Burgmannssitz wohnen muss, oder ob es reicht, diesen als Lehen erhalten zu haben, um ihn weiter zu verpachten oder sogar als Afterlehen61 an Dritte weiterzureichen.

Was aber ist nun so ein Burgmannssitz genau? Hier möchte ich aus einem Werk zitieren, das eine schlüssige kurze Definition bietet:

 

„Ein Burgmannshof oder Burgmannenhof bzw. Burgmannenhaus wurde vom jeweiligen Burgherren oder Landesherren in Städten mit Festungscharakter auf oder neben größeren Burgen als Wohnsitz eines Burgmannen oder einer Burgmannenfamilie angelegt. Die Höfe lagen oft in einer Vorburg oder in der Stadt in der Nähe der Stadtbefestigung. Teilweise dienten sie selbst zu Verteidigungszwecken.

Die Burgmannen zählten zu den Ministerialen, das heißt ihnen unterlag die Hofhaltung, Verwaltung und sie wurden zu Verteidigungs- sowie Kriegsdiensten hergezogen. Zum Teil waren sie auch für die Abhaltung der „Gerichtstage“ in der Stadt verantwortlich. Aus den Ministerialen entstand zum Teil der niedere Adel. Für ihre Leistungen und Dienste bei der Besitzverwaltung ihrer Herren sowie in deren Ritterheeren erhielten sie ein Dienstgut oder Lehen, über das sie dann im Laufe der Zeit frei verfügen und es vererben konnten. Bis ins 19. Jahrhundert hinein behielten die Burgmannshöfe ihre adlige Freiheit von allen städtischen Lasten, auch wenn sie schon in den Besitz bürgerlicher Familien gelangt waren. Bei den heute noch als Burgmannshöfe bezeichneten Gebäuden handelt es sich aber häufig nur um Nachfolgebauten aus der Zeit nach dem Mittelalter, an denen jedoch diese Rechte hingen“62

Diese Beschreibung passt bestens sowohl zur Lage als auch Geschichte des Schenkbarschen Hauses.

Wenn also die Herren von Breidenbach zwei Burgmannssitze mit jeweiligen Burgmannshöfen in der Stadt hatten, so ist es einleuchtend, dass der eine Sitz wie überliefert auf dem Gelände der heutigen Klingelburg lag, und der andere mit dem späteren Hofgarten identisch ist. Das ergibt sich sowohl aus den Beschreibungen des Standortes als auch aus den in der Chronologie aufgeführten Quellen, die sich nun lückenlos, einem Zeitstrahl gleichend, durch alle Jahrhunderte ziehen.

Bleibt nun noch die Frage nach dem frühesten Ursprung des Hauses.

Hier möchte ich eine noch frühere Quelle anführen. Es handelt sich um eine Urkunde über eine Zinsverlegung (HstAM, Urk 45,2).

 

Hier wir beschrieben, dass Crafft Döring 1365 ein Haus, das oberhalb des Kirchhofs liegt, an Contz Ruhlen verkauft hat, während „Eylung von Hurle dort wohnhaft ist“. Ritter von Döring scheint bei der Kirche verschuldet gewesen zu sein, so dass er das Haus über dem Kirchhof zur Sicherheit gegeben hatte und die Zinsen wurden aus den Einnahmen aus diesem Anwesen gezahlt. Er musste das Haus aber „ledig und los“, also frei aller Grundschuld, an Contz Rulen übergeben, so dass er den „Zins“, also die Belastung auf sein eigenes, ihm verbliebenes Haus umlegte. Die Zinsen waren so hoch, so dass der Pfarrer jährlich mehr als zwei Pfennig daraus erhielt, was damals sehr viel Geld war. So wurde also das Haus über dem Kirchhof schuldenfrei übergeben und die Döringsburg weiter belastet. Eylung von Hurle war wohl der Pächter, der sowohl unter Ritter Crafft von Döring, als auch später unter Contz Rulen der Bewohner und Nutzer des Anwesens blieb. Wäre mit dem an Contz Ruhlen verkauften Haus das Schenkbarsche Haus gemeint, wäre dies die bisher älteste Ersterwähnung aus dem Jahr 1365.

 

Wie komme ich aber darauf, das es gemeint sein könnte?

Hier muss ich mir nochmals den ältesten Plan der Stadt ansehen, der im Zusammenhang mit dem Stadtbrand 1717 erstellt wurde und von Herrn Bamberger, wie erwähnt, aufgefunden und ausgewertet wurde. Es liegen zwischen der Urkunde und der Erstellung des Plans zwar fast 400 Jahr, allerdings ist aus anderen teilweise besser dokumentierten Städten in der Geschichtswissenschaft und Archäologie bekannt, dass sich städtebaulich über die Jahrhunderte das äußere Gesicht einer Stadt immer wieder ändert, aber die Parzellierung gerade im Altstadtbereich über Jahrhunderte meist unverändert bleibt, da wie auch noch heute nicht die Gebäude verkauft oder verlehnt werden, sondern die jeweiligen Grundstücke, also Parzellen.

Man kann also davon ausgehen, dass die im Plan aufgezeichnete Parzellierung weitestgehend identisch ist mit der mittelalterlichen. Und hier fällt auf, dass fast alle Parzellen ausreichender Größe rund um die Kirche, also dem Kirchhof, die innerhalb der Stadtmauern liegen, entweder seit eh und je städtisch oder kirchlich gewesen sind. Die einzigen Ausnahmen sind die von mir vermutete Döringsburg und eben die Parzelle„oberhalb“ des Kirchhofes, nämlich die des Schenkbarschen Hauses. Eine andere kommt rein geographisch nicht in Frage.

Außerdem gibt es mehrere Verbindungen zwischen dem Geschlecht der Ritter von Döring und der Herren von Breidenbach. Die Herren von Breidenbach erbten nach dem kinderlosen Tod eben dieses Crafft Dörings alle seine Güter, außerdem bildeten die beiden Familien ohnehin eine sogenannte Ganerbengemeinschaft63. Eine solche beinhaltet unter Anderem ein Vorkaufsrecht bei verkauften Gütern, die Mitgliedern der Ganerbschaftgemeinschaft gehören. Also gut möglich, dass die Herren von Breidenbach von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch machten, als die Familie Ruhlen das Haus wieder veräußern wollte. So oder so wäre das Haus in den Besitz der Herren von Breidenbach gekommen. Dieses wird man allerdings kaum jemals durch Schriftquellen belegen können, da der Vorgang zu tief im echten Mittelalter stattgefunden hat. Es sei denn, dass uns auch hier wieder ein zukünftiger, unglaublicher Zufallsfund zur Hilfe kommt, wie so unglaublich oft im Fall des Schenkbarschen Hauses. Dennoch ergibt sich der letztgenannte Zusammenhang aus rein logischen Schlussfolgerungen, die kaum einen anderen Hergang möglich machen.

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

Noch einmal Staatsarchiv und die naturwissenschaftliche Bestätigung

 

 

Nach langem Warten kam endlich der lang ersehnte Anruf aus dem Marburger Staatsarchiv, dass die Dokumente jetzt wieder aus Wiesbaden zurückgekehrt seien, wo sie monatelang waren, um Sicherungskopien zu machen.

Endlich konnte ich auch die Geschichte des Hauses zwischen 1610 und 1825 in Augenschein nehmen. Bisher waren mir die Sachverhalte und hier besonders die Besitzverhältnisse nur über den Umweg bekannt, dass die Familie Nagel einen Erbschaftsstreit mit den restlichen Nachkommen der Schultheißenfamilie Walther geführt hatte. (HstAM, 110, 7160), (HstAM, 110, 7158) und (HstAM, 110, 7157)

 

Nun saß ich also vor den Dokumenten, die die Belehnungen für diesen Zeitraum dokumentierten. Als erstes stieß ich auf eine Wiederholung der mir bereits im Original bekannten Verlehnung an Heinrich Schenkbar und gleich im nächsten Brief sollte sich das erste der verbliebenen Geheimnisse lösen. Schultheiß Walther war nicht, wie vermutete mit den Vorbesitzern verwandt, sondern er hatte das Haus und den Hofgarten 1627 von Heinrich Schenkbar und dessen Erben gekauft, trat also in das Erblehen ein. Eigentümer blieb weiterhin der hessische Landgraf.

 

Aus diesem und einem weiteren Dokument, welches die spätere Zeit beinhaltet, (HstAM 110,7180) lassen sich Bewohner des Hauses nach dem Ankauf durch den Landgrafen, also ab 1575 lückenlos belegen (Hierzu auch: HstAM 19a,934 und HstAM 40 f, 391)

Für die Zeit vor 1575 sind die Namen der Pächter nicht überliefert, sondern nur die der Eigentümer beziehungsweise der Inhaber des Lehens. Es gibt lediglich zwei Ausnahmen. Im Dokument ( HstAM,257,B341) bezüglich des Rechtsstreites zwischen den Schencken und den Milchlings einerseits und der Familie von Breidenbach andererseits ist von der Schwester des Caspar von Breidenbach die Rede, die den Hof auch bewohnt. Die Schencken werfen ihr vor, dass sie das Haus und den Garten hat „verwusten“ lassen und keine Reparaturen vorgenommen habe, obwohl sie doch dort „Wohnung hatte“. Das war im Lehensrecht eine schwerwiegende Anschuldigung, denn der Lehensnehmer war dazu verpflichtet das Gut baulich und wirtschaftlich in Ordnung zu halten. Bei Verstoß durch Missachtung konnte dem Lehensnehmer sogar das Lehen entzogen werden. Ob das Haus in den 20er und 30er Jahren des 16. Jahrhunderts tatsächlich so heruntergekommen war, oder ob es eine Taktik der Schencken war, die ehemaligen Lehensleute schlecht zu machen, bleibt offen. Klar ist nur, dass ausgerechnet in dieser Zeit, nämlich 1527, eine Reparatur stattgefunden hatte, die dendrochronologisch nachgewiesen werden konnte, worauf nachfolgend nochmal gesondert eingegangen wird.

 

Der zweite nachweisliche Bewohner geht aus der Urkunde von 1365 hervor. Es ist Eylung von Hurle. Wer in der Zeit der Ritter von Döring das Haus bewohnte, ist nicht bekannt. Es könnten Familienangehörige selbst gewesen sein, aber auch eine Verpachtung ist selbstverständlich denkbar.

 

Einen kurzen, wenn auch parteiischen Überblick der Verwandtschaftsverhältnisse in der Zeit zwischen 1630 und 1800 gibt folgender Stammbaum, der als Beleg für die Erbansprüche der Familie Nagel im Dokument HstAM, 111 e, 317 beigefügt wurde:

 

 

 

Auch zu dem Zeitpunkt der Teilung in zwei Haushälften, aber auch zu der Teilung des Grundstücks gibt das letzte Dokument (HStAM, 110,7180) Aufschluss. Im Jahr 1787 war die eine Haushälfte von der Witwe Koßmann bewohnt, von der die zukünftigen Besitzer ab 1810 in beiden Haushälften abstammen. Die andere Hälfte des Hauses bewohnte Frau Scriba, die Witwe des Pfarrers von Caldern, die ich aber verwandtschaftlich nicht der eigentlichen Lehensfamilie zuordnen kann, wobei es auffallend ist, dass es sich um zwei Pfarrerswitwen handelt. Immerhin bezeichnet die Dokumentation zur Baugeschichte im Rahmen der ersten dendrochronologischen Untersuchung das Haus als zeitweises Pfarrhaus. Leider ist dieser Sachverhalt zur Zeit nicht aufzuklären, da das eigentliche Pfarrhaus immer bekannt und an der heutigen Stelle war. So muss ich davon ausgehen, dass Witwe Scriba gegen einen Zins Wohnrecht hatte.

 

Auf eine Auflistung der Bewohner und Eigentümer ab 1820 habe ich hier bewusst verzichtet, weil es nicht nur den Rahmen sprengen würde, sondern zum Teil auch datenschutzrechtlich ein Problem wäre. Eine solche Liste liegt mir aber vor.

 


 

 


 


 

 

 

Eine dendrochronologische Untersuchung

 

Nachdem alle diese neuen Erkenntnisse ausgewertet waren und ich aus dem Staunen gar nicht mehr heraus kam, stellte sich mir eine wichtige Frage:

Anhand von schriftlichen Quellen und auch durch reale Funde unterschiedlichster Art war die Existenz der Vorgängerbauten nun nachgewiesen. Es blieb zu klären, was davon heute noch übrig war und wo es sich befand.

 

Schon vor einigen Jahren hatte ich immer wieder eine neue dendrochronologische Untersuchung beim Landesamt für Denkmalpflege angestoßen, aber es wurde bisher nie Wirklichkeit.

Es war ja auch kein Zeitdruck da und die finanziellen Mittel des Amtes mussten erst sichergestellt sein.

 

Ähnlich ging es mir selbst. Ich hatte schon oft überlegt, ob ich nicht die entscheidenden Teile des Hauses in eigener Regie untersuchen lassen sollte, aber die Preise der entsprechenden Ingenieurbüros schreckten mich jedesmal ab. So beschloss ich immer wieder, die Angelegenheit nach hinten zu schieben oder auf eine Aufforderung durch des Denkmalamtes zu warten.

Nach den jetzigen Neuigkeiten allerdings war mir das Warten psychisch unmöglich geworden, und als ich auf das Dendro-Labor Best stieß, fasste ich den Entschluss. Ich wollte die Untersuchung jetzt.

 

Die Proben wurden an den entscheidenden statisch relevanten Stellen entnommen. Außerdem waren noch jede Menge Holzbalkenreste vorhanden, die von den Ausbesserungsarbeiten wie etwa dem Austausch der langen Schwelle in der Ostwand angefallen waren.

 

Die weiteren Ergebnisse stützten meine Theorie, denn sowohl große Teile der Innenwände sowie der tragenden Teile der Außenhaut der unteren Stockwerke stammen aus dem 16. Jahundert. Die verbauten Hölzer sind ausnahmslos auf die Jahre 1577 und 1578 zu datieren.

 

Eine Ausnahme bildet die nord-östliche Hausecke. Im Inneren sind dort die Auflagepunkte des alten höher gelegenen Fußbodenniveaus zu erkennen. Diese Ecke befindet sich also nachweislich immernoch sozusagen im Urzustand. Hier lautete das Ergebnis 1527.

 

Dieses Jahr 1527 las ich im Gutachten mit einem Schmunzeln, denn es bedeutete, dass die Herren von Breidenbach in dieser Zeit das Anwesen eben nicht dem Verfall preisgegeben hätten, wie die Schencken in den Dokumenten über die Erbstreitigkeiten argumentierten, sondern dass genau in dieser Bauphase von ihnen eine größere Reparatur und ein Umbau vorgenommen wurde.

 


 


 

 

 

 

 

 

Dokumentation für den Fundzustand des  Wehrturms an der Ostseite des Schenkbarschen Hauses, Bei der Kirche 8 - 9 in Biedenkopf

 

Zum sogenannten Schenkbarschen Haus in Biedenkopf, Bei der Kirche 8 – 9, gehört auch ein Turmstumpf, der heute nur noch 4 Meter aufragt; er war aber ursprünglich mindestens doppelt so hoch. Eine Zeichnung aus dem Jahr 1840 (Bildarchiv Photo Marburg) Bilddatei-Nr. fm417726) zeigt dies genau.

Dieser Turm war ursprünglich ein Teil der Stadtbefestigung, ist aber über die Grundmauern des Hauses mit diesem fest verbunden.

 

Die romanische Stadtmauer bildet die Rückwand des tonnengewölbten Kellers des Schenkbarschen Hauses. Der Durchmesser des Turmes müsste eigentlich in den Keller an der Südostecke als konvexe Mauer vorspringen; der Keller ist aber komplett rechteckig, ragt also im Südosten in den Durchmesser des Turmes hinein und ist mit diesem verzahnt errichtet.

 

An der Südwand des Kellergewölbes existiert ein Zugang zu einem ca. 50x90 cm großen fast dreieckigen Kriechgang.. Dieser in den gewachsenen Felsen geschlagene und sauber überwölbte Gang innerhalb der massiven Südmauer führt nach etwa 50 Zentimetern etwa 4 m weit in östliche Richtung und endet in einer winzigen Kammer im Fundament des Turmes, die ebenfalls in den gewachsenen Felsen geschlagen ist (ohne weiteren erkennbaren Ausgang).

Der Turm am Schenkbarschen Haus (und das Haus selbst) befindet sich in zentraler und für das Mittelalter enorm wichtiger Lage nahe des Marktes und des Brunnen, nahe des Rathauses und direkt oberhalb der Hauptkirche mit dem Kirchhof.

Das Haus ist als Burgmannshof (Adelssitz und später Amtshaus) direkt auf der Stadtmauer errichtet.

 




 

Biedenkopf, den 20. Juli 2017

Elvis Benner und Christoph Kaiser“

 

 

 

 


Aufgrund der baulichen Gegebenheiten, wie bereits beschrieben, kann man jetzt nicht nur den Turm und den Abschnitt der Befestigungsmauer, sondern auch den Gewölbekeller auf das Jahr genau datieren. Die Vermutung aufgrund der kunsthistorischen Einordnung z.B. wegen des nur mit dem Spitzmeißel bearbeiteten Sandsteinportals, dass der Keller aus einer Zeit vor 1200 stammt, stellte sich nun sozusagen naturwissenschaftlich gestützt als richtig heraus.

 


 

Was das für die Geschichte der Stadt Biedenkopf bedeutet, kann ich hier nur anreißen, da es nicht mein eigentliches Thema ist. Es wird immer wieder von Fachkreises darauf hingewiesen, dass Marburg und Biedenkopf von den Anfängen her eine sehr ähnliche Entwicklung genommen haben. Sehr früh entstand die Höhenburg und ebenfalls sehr früh bereits die dazugehörigen Burgmannshöfe, die mit einer Kapelle einen Ring unterhalb des Schlossbergs bildeten. Das war der Kern und die Keimzelle der Stadt, noch bevor es Markt und Stadtrechte gab. So wird es wohl auch in Biedenkopf gewesen sein, als der Ort „Villa Bidencaph“ genannt wurde.

 

Der eigentlich Aufstieg Marburgs begann erst nach dem Tod und der Heiligsprechung der Elisabeth von Thüringen, da die Pilgerströme Geld und Macht in die Stadt schwemmten, was an Biedenkopf vorüber ging.

Da nun ein derart früher baulicher Fund nicht nur das Schloss in Biedenkopf, sondern auch den Bereich der späteren Stadt betrifft, bleibt zu forschen, wie die Ausgangslage und der Ursprung Biedenkopfs in dieser Zeit tatsächlich seine Anfänge genommen hatte. Wer den Keller und den Turm des Schenkbarschen Hauses in solch früher Zeit baute, muss im Dunkel bleiben. Es ist nicht belegt, ob die Herren von Hohenfels oder die Ritter von Döring schon im Ort ansässig waren, oder ob es die später nicht mehr erwähnte Familie von Bidencaph war, die hier bauliche Spuren hinterlassen hat, bevor sie endgültig aus der Geschichte ins Nichts verschwand.

 

 

Zusammenfassung

 

vor 1200: Der Ursprung des Hauses liegt im tiefen Mittelalter, als die Stadt Biedenkopf gerade im Werden war. Schon damals waren die Ritter von Döring im Ort anwesend. Diese errichteten den Keller, den Turm und die Mauer als Burgmannssitz. Was aus dieser Zeit noch im heutigen Haus oberhalb des Kellers versteckt intergriert ist, bleibt noch zu klären, wenn es jemals klärbar sein sollte.

 

1365 wird an dieser Stelle ein Haus das erste Mal urkundlich erwähnt und geht in den nächsten Generationen in den Besitz der Herren von Breidenbach über, die es als einen ihrer zwei Burgmannshöfe nutzen.

 

1541 stirbt Caspar von Breidenbach und das Haus geht in Besitz der Schencken von Schweinsberg und der Schutzbar genannt Milchling über, die das wahrscheinlich noch aus dem Mittelalter stammende Hofgebäude zwar ausbessern, umbauen oder aufstocken, jedoch die Außenanlagen verkommen lassen, weshalb immer wieder in dieser Zeit auch an die Stadt Rechnungen geschrieben werden zur Erhaltung der Wehranlagen, da deren Unterhalt in die Zuständigkeit der Stadt fällt (HStAM, 257, B 341).

 

1575 wird das Haus durch den hessischen Landgrafen erworben und ist von diesem Zeitpunkt an durchgängig Amtssitz der Schultheißenfamilien, die es meist als Erblehen erhalten.

 

1815 wird das Haus privatisiert und das Lehensverhältnis durch Ablösung aufgelöst. Das Haus ist nun in zwei Teile geteilt und wird privat vererbt oder später im 20. Jahrhundert weiterverkauft

 

2009 wird das Haus durch mich (Elvis Benner) und meinen Lebenspartner (Christoph Kaiser) erworben und sowohl als Museum als auch als privates Wohnhaus genutzt

 

 

 

 

 

 

Es bleibt geheimnisvoll und spannend

 

 

Einige Dinge müssen offen bleiben und zukünftig weiter erforscht werden. Vielleicht kommt auch hier ein Zufallsfund zur Hilfe.

Wer baute den Keller und den Turm? Waren es die Ritter von Döring oder die Herren von Hohenfels?

 

Wer war Contz Ruhlen und wie genau ist das Haus von ihm aus in den Besitz der Herren von Breidenbach gelangt?

 

War hier wirklich einmal die Universität untergebracht? Der Rektor Justus Vultejus hatte auf jeden Fall familiäre Beziehungen nach Biedenkopf, denn sein Stiefvater Christian Pincier stammt aus Biedenkopf. Außerdem gibt es eine genealogische Verbindung zwischen der Familie Pincier, der Familie Gumpel von Moroldishusen und den später im Haus residierenden Walthers. Sie stammen nicht nur jeweils von einander ab und haben sich gegenseitig beerbt, sondern alle hatten gemeinsam die Zehnteinkünfte aus Mornshausen, Dodenau und Ammenhausen inne, die von den Nachkommen ja noch Ende des 18. Jahrhunderts eingeklagt werden.

 

Ist Vultejus während der Pest sozusagen bei Verwandten untergekommen?64

Der Spruch über der Tür lobt im Namen der Gefolgschaft des Hauses Schenck den gnädigen Fürst, der die Grundlage (Lehen) für das Haus gegeben hat. Mit „Fürst“ war hier nicht der Landgraf, sondern der Fürst von Wittgenstein gemeint, der eben im Rechtsstreit die Schencken und Milchlings mit dem Hofgarten belehnt hatte und nicht die Ursprungsfamilie Breidenbach, wie vom Landgrafen gewünscht. Logisch, dass man sich da eine gute „Gefolgschaft“ wünscht, um Feinde abwehren zu können.

 

Ist dieser Spruch tatsächlich von Vultejus verfasst worden, wie der Stil des lateinischen Hexameters nahe legt?

 

Welche Bauteile sind tatsächlich aus welcher Zeit? Was ist neu aufgeschlagen und was ist stehengeblieben von den Vorgängergebäuden? Klar ist hier nur geworden, dass aus allen Zeiten vom 12. Jahrhundert an bis heute aus allen Bauten und Bauphasen einzelne Teile im heutigen Gebäude verbaut fortleben und so all die Zeiten überdauert haben.

 

Hier schließe ich mich dem früheren leider verstorbenen Landeskonservator Dr Neumann an:

„Ein altes Haus ist ein Puzzel aus vielen Einzelteilen aus unterschiedlichen Zeiten. Es grundlegend neu zu bauen ist eine moderne Erscheinung. Man muss ewig puzzeln, aber das letzte Stück passt nie!“

 

1Ackerbürgerhäuser: Häuser städtischer Bürger, die auch eine kleine Landwirtschaft zur Selbstversorgung betrieben. Deshalb sind diese Häuser neben Räumlichkeiten zum Wohnen und Handel oder Werkstätten auch mit kleinen Ställen und Scheunen ausgestattet. Dennoch kann man Biedenkopf nicht als Ackerbürgerstadt bezeichnen.

2Als Unterstadt wird das Gebiet der ersten Stadterweiterung des 14. Jahrhunderts bezeichnet, das außerhalb der ersten, ursprünglichen Stadtmauer lag (z.B. heutiger großer Marktplatz oder Hainstraße etc)

3Großbrände: 1635, 1647 und 1717. Bei allen drei Bränden wurde nahezu die gesamte Altstadt zerstört. Wie durch ein Wunder blieb das Schenkbarsche Haus tatsächlich bei allen Bränden unversehrt.

4 Aus: Das WWW-Angebot der Universität Bamberg wird im Auftrag des Präsidenten der Otto-Friedrich-Universität Bamberg veröffentlicht. Fassung vom 27.10.2016. Die Dendrochronologie (Holzaltersbestimmung) ist die einzige naturwissenschaftliche Methode, die eine jahrgenaue Altersbestimmung der Fälljahre von historischen Hölzern ermöglicht. Unter der Voraussetzung, dass alle Jahrringe bis zur Rinde erhalten sind, kann der Fällzeitraum noch präziser in Frühjahrs- bzw. Sommerfällung (etwa März bis Juni/Juli) und Winterfällung unterschieden werden. Die Datierung erfolgt über den Vergleich der Jahrringserie des zu datierenden Holzobjektes mit einer sogenannten Standard- oder Regionalchronologie. Die Jahrringserie entsteht durch das Einmessen der Jahrringbreiten und das Aufzeichnen der Breitenwerte in ihrer zeitlichen Abfolge. Weil die Jahrringbreite durch günstige oder ungünstige Klimabedingungen entscheidend beeinflusst wird, variiert die Jahrringbreite mit den Klimaschwankungen und ergibt eine charakteristische Jahrringkurve. Bei einer Abfolge von etwa 40-50 Jahrringen ergibt sich eine derart charakteristische gezackte Kurve von breiten und schmalen Jahrringen, die in dieser Weise nur in dem tatsächlichen Wuchszeitraum gebildet werden kann. Sie kann daher von in anderen Zeitintervallen gebildeten Jahrringbreitenkurven so eindeutig unterschieden werden, dass eine jahrgenaue Zuordnung des jüngsten auf der Jahrringkurve erfassten Jahrrings zu einem Kalenderjahr möglich ist. Für die Zuordnung oder Datierung benötigt man eine Vergleichschronologie, die die Abfolge der Jahrringbreiten über mehrere Jahrhunderte oder Jahrtausende abbildet. Im einfachsten Fall erhält man eine solche Chronologie aus einem einzigen sehr alten Baum, was jedoch nur in den seltensten Fällen möglich ist. In der Regel werden die Chronologien durch das sog. Überlappungsverfahren (cross-matching) verschiedener einzelner Jahrringserien in die Vergangenheit verlängert. Auch reicht eine einzelne Jahrringserie nicht aus, um die Jahrringbreiten eines Zeitintervalls zuverlässig abzubilden, denn die Jahrringbreite kann durch individuelle, nicht durch das Klima geprägte Einflüsse variiert werden. Diese individuellen Einflüsse sollen durch die Mittelung von dutzenden oder hunderten zeitgleichen gebildeter Jahrringserien verschiedener Bäume eliminiert werden. Daher sind Standardchronologien aus hunderten oder tausenden einzelner Jahrringserien zusammengesetzt. Diese Standardchronologien müssen für jede Holzart und für jede Klimaregion separat aufgebaut werden. Um kleinräumigen Klimaschwankungen besser abzubilden und einen höheren Datierungserfolg zu erzielen, werden kleinräumige Regionalchronologien zusammengestellt, die zugleich auch eine bessere Holzherkunftsbestimmung ermöglichen. Die Dendrochronologie wird heute mit großem Erfolg in der Archäologie, der Bauforschung/Denkmalkunde und bei der Datierung beweglichen Kulturguts (Möbel, Tafelbilder, Musikinstrumente) eingesetzt. Wenngleich die Methode der Datierung für diese Disziplinen gleich ist, unterscheiden sie sich zum Teil erheblich in der Art der Probengewinnung, ihrer Aufarbeitung und Archivierung, aber auch durch die verwendeten Holzarten und letztlich der Interpretation der dendrochronologischen Datierung. Um aus dem dendrochronologisch ermittelten Fälljahr auf die Fertigstellung eines Gebäudes oder eines beweglichen Kulturgutes zu schließen, müssen die Fragen nach der zeitlichen Verzögerung zwischen Einschlag und Aufarbeitung geklärt werden. Während Bauholz in der Regel nicht getrocknet wurde und zeitliche Verzögerungen nur durch den Holztransport auftreten, ist die Holztrocknung bei Möbelholz, Holz für Tafelbilder und für Musikinstrumente die Regel.

 

5Rudolf Bultmann (1884-1976) Theologieprofessor u.a. in Marburg:

Von ihm wurden in der Theologie Wundergeschichten, Himmel und Hölle, Jungfrauengeburt und selbst die Auferstehung Jesu als mythologisch und unrealistisch in Frage gestellt. Für Bultmann verdeckten die Mythologien die Kernaussagen der Bibel, während für andere durch Bultmann die Kernaussagen des Glaubens zerstört wurden und lediglich eine verweltlichte Sittenlehre übrig blieb.

6Archäologe und Entdecker Trojas. Er wurde belächelt, weil er sich bei seinen Grabungen an den Erzählungen aus der griechischen Sagenwelt orientierte. Zum Erstaunen der Fachwelt behielt er recht.

7Primärquellen sind entweder schriftliche Zeugnisse direkt aus der entsprechenden Zeit, oder archäologische Funde (sogenannte „Realien“). Sekundärquellen sind Nacherzählungen oder in späteren Werken lediglich zitierte Texte.

8C.F.Günther: Bilder aus der hessischen Vorzeit, 1853, zuletzt online abgerufen am 16.07.2017 über: https://books.google.de/books?id=JG4AAAAAcAAJ&printsec=frontcover&dq=e-book+google+bilder+hessischen+vorzeit&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiFipCyrpLVAhWB6RQKHX5-Bw8Q6AEIKzAA#v=onepage&q&f=false

9Siehe Erläuterungen hierzu im Kapitel „Weitere Urkunden ergänzen das Bild“

10Ritter von Döring (auch Thuring): Althessisches Ritter und Adelsgeschlecht. Hatten bis ca 1600 viel Besitz in Biedenkopf u.a. ihren Haupthof in der Altstadt, die „Döringsburg“. Später im Rittergut in Elmshausen ansässig.

11Auch heute noch blühendes hessisches Adelsgeschlecht der Freiherren von Schenck zu Schweinsberg. Reich begütert im gesamten mittelhessischen Raum.

12Die Herren von Breidenbach sind das für das hessische Hinterland wohl bedeutsamste Adelsgeschlecht, das auch heute noch existiert. Ansässig und begütert im Breidenbacher Grund, aber bis ca. 1600 auch im Besitz von Gütern und Rechten in Biedenkopf

13Der Hofgarten ist auch heute noch die katasteramtliche Bezeichnung für das Flurstück unterhalb des Schenkbarschen Hauses und den Abhang bis zum Kottenbach (Bach, der auch durch die Unterstadt fließt)

14Siehe Lageskizze am Anfang des Textes. Eichpforte bedeutet, dass an diesem Stadttor, bei Eintritt in die Stadt, die für den Marktbetrieb üblichen Maße und Gewichte „geeicht“ werden mussten. Klingelburg ist eine Verballhornung des Amtsgebäudes an der Eichpforte, da dort im 19. Jahrhundert der letzte Amtmann wohnte, der den Nachnamen Klingelhöfer trug. Der Begriff Hufeburg bleibt unklar. Es könnte entweder eine hufeisenförmige Anlage bezeichnen, oder einen Hof zu dem eine „Hufe“ Land gehört. (Hufe ist eine alte Maßeineinheit für Flächen, kann aber auch die Bezeichnung für einen „freien“ Hof sein)

15Eugen Schneegans. Autor in den Hinterländer Geschichtsblättern. Inbesondere Jahrgang 1930 Nr. 4 zum Thema Stadtmauer und unterirdische Gänge etc

16Karl Huth, Biedenkopf Burg und Stadt im Wandel der Zeit, 1977, Karl Huth war Verwaltungsrat

17Seit der letzetn Überarbeitung sind die Zitate von der Homepage verschwunden

18Dr. Elsa Blöcher, Oberstudiendirektorin und Heimatforscherin und langjährige Vorsitzende des Hinterländer Geschichtsvereins

19Dr. Elsa Blöcher, Der Zimmermann im Hinterland und seine Balkeninschriften, Hessische Forschungen zur geschichtlichen Landeskunde Heft 11, 1975

20Hans Feldtkeller, Die Bau- und Kunstdenkmäler des Landkreises Biedenkopf Kurzinventar, 1958, hier Bildtafel 53 mit der Bildunterschrift: Biedenkopf, Kirchplatz, alte Universität

21Georg Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Band Hessen, Ausgaben 1982 und 2008. (1982 wird das Haus in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts und 2008 auf 1610 datiert)

22Aus: „Vultejus, Justus“, in: Hessische Biografie <http://www.lagis-hessen.de/pnd/124906761> (Stand: 10.8.2016)

* 1529 Wetter (Hessen), † 31.3.1575 Marburg, Prof. – Theologe, Professor, Pädagogiarch, Philologe

Schulausbildung u. a. in Dillenburg

  • 1542 Studium in Marburg, erwarb den akademischen Grad eines Baccalaureus
  • dann Studium in Straßburg, Erfurt, Leipzig, Wittenberg, Zürich, Basel, Paris und Lausanne
  • Präzeptor und Rektor des Gymnasiums in Wetter (das er zur Akademie erhob)
  • 1560-1575 Pädagogiarch zu Marburg
  • 1562 Professor der Theologie in Marburg
  • 1.6.1572 ordentlicher Professor der Hebräischen Sprache in Marburg

 

 

23Aus:„Vultejus, Hermann“, in: Hessische Biografie <http://www.lagis-hessen.de/pnd/100692478> (Stand: 10.8.2016)

* 16.12.1555 Wetter (Hessen), † 31.7.1634 Marburg, evangelisch-reformiert
Prof.; Dr. jur. utr. – Professor, Universitäts-Vizekanzler, Jurist , immatrikuliert Marburg 1563, Baccalaureus Marburg 16.3.1570, immatrikuliert Heidelberg 1571, 9.12.1574 Magister Marburg, 24.2.-20.5.1575 erster Lehrer am Pädagogium Marburg, Wechsel von der Theologie zur Jurisprudenz, 1576 Studium Genf, 1577 Padua, 10.2.1578 Siena, 1578-1579 Präzeptor der Familie des erzherzoglichen Rats Georg Friewirdt in Eisenerz (Steiermark), 2.2.1580 Doktor der Rechte Basel, 31.8.1580 ordentlicher Professor der Griechischen Sprache an der Universität Marburg, Antrittsvorlesung am 4.10.1580, ab 26.11.1580 auch Privatdozent der Rechte an der Universität Marburg, 11.11.1581-1595 Syndikus der Universität Marburg, 15.12.1581 Professor der Institutiones, 24.4.1582 bis zu seinem Tod Hofgerichtsrat und Hofgerichts-Beisitzer, 12.5.1591 Professor primarius, 15.11.1605 Vize-Kanzler der Universität, 1611 Konsistorial-Assessor, 17.3.1624-24.4.1625 während der Vakanz stellvertretender Rektor, als Kanzler in Kassel fraglich, 27.3.1624-Dez. 1627 von Hessen-Darmstadt als Vize-Kanzler übernommen, Comes Palatinus Caesarius, Kaiserlicher Rat und Reichsadel 1.11.1631, führt aber kein Prädikat

 

24Diese Tatsache kann von mir (Autor) jetzt allerdings belegt werden durch eine Urkunde: HstAM,17e Marburg 327

25Karl Rumpf (1885-1968), Architekt und Volkskundler in Marburg und Autor zahlreicher kunsthistorischer Werke

26Online abgerufen am 18.07.2017: beyars.com/kunstlexikon/lexikon_9674.html

Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann:

„Wilder Mann“ im Fachwerkbau hölzerne Stütze, an der nach oben und unten je zwei Streben V-förmig angebracht sind. Wegen der Ähnlichkeit mit nach oben gestreckten Armen und gegrätschten Beinen wird der Verbund als "Wilder Mann" bezeichnet.

(taucht in Hessen erst in der Zeit nach dem 30-jährigen Krieg auf)

 

27Aus rechtlichen und datenschutzrechtlichen Gründen möchte ich hier, wie auch beim später erwähnten Architekturbüro die Namen der Betriebe bzw. Institutionen aussparen. Die Namen und die entsprechenden Dokumente liegen mir (Auto) vor und befinden sich in meinem Besitz. Es ist in keiner Weise meine Absicht irgendwen zu verletzen, zu beschuldigen oder in ein schlechtes Licht zu rücken. Ich betone nochmals ausdrücklich, dass ich niemandem hier eine schlechte Absicht unterstellen will, jedoch sind die Zusammenhänge für die Forschungsgeschichte bzgl des Schenkbarschen Hauses zu wichtig, um sie unerwähnt zu lassen.

28Auflagebalken für die Fachwerkkonstruktion und im unteren Teil Grenze zwischen steinernem Sockel und hölzernem Aufbau.

29Stadttore sind keine einfachen Aussparungen in der Stadtmauer, die mit einem hölzernen oder eisernen Tor verschlossen werden konnten, sondern meist ganze Gebäudekomplexe. Eine Toranlage besteht meist aus einem Torhaus (Verwaltung), einer Wachstube, Türmen und oft auch einer kleinen Kapelle. Stadttore waren oft, und bei der „Neuen Pforte“ auch nachweisbar, mit weiteren Gebäuden überbaut. In diesem Fall einer Schulstube und einer Wohnung für den Ziegenhirten.

30Ein Schalenturm ist eine runde oder hufeisenförmige (selten eckige) Auskragung bei Stadtmauern oder Burganlagen. Sie sind Bestandteil der Mauer und haben sozusagen keine Rückwand. Innen waren sie oft mit hölzernen Aufgängen versehen und dienten zur Festigung der Mauer und zu Verteidigungszwecken. Im Gegensatz dazu ist ein Vollturm ein eigenständiges Gebäude, das zwar auch in eine Mauer integriert sein kann, aber auch alleine und unabhängig davon stehen könnte.

31Verzahnt bauen heißt, dass sich die Steine versetzt in jeder Schicht möglichst oft und ausreichend lang überlappen, so dass sie sich gegenseitig halt geben und das Mauerwerk dadurch stabilisieren. Der Abschluss einer Mauer hat eine klare Kante ohne herauskragende Steine. Fügt man nachträglich eine weitere Mauer an, so besteht der Übergang aus zwei aufeinandertreffenden Enden mit glatten Kanten, was sich in der Gesamtmauer in Form einer Naht, der sogenannten Baunaht, abzeichnet. Dadurch sind nachträglich angemauerte Anfügungen gut zu erkennen.

32Wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Zahneisen, abgerufen am 27.07.2017

33Wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Scharriereisen, abgerufen am 27.07.2017

34Kellerhals nennt man einen schlauchartig überwölbten und nach unten führenden Treppenraum. Man könnte einen Kellerhals auch als Treppenröhre beschreiben.

35Eberhard Kieser (* 1583; † 1631) Kupferstecher und Verleger

36Matthäus Merian ( 1593 – 1650) Kupferstecher und Autor u.a. von: Topographia Hassiae(Hessen), 1646/1655

37 Wilhelm Dillich (1571 – 1650) Kupferstecher und Autor

38Alle Stiche zusammen wunderbar abrufbar und zu betrachten auf folgende Seite des HLAGL:

http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/gsearch/sn/oa?q=Biedenkopf&submit=LAGIS-Suche

39Fundamenti (Genitiv) bezieht sich auf locum (den Ort), was die Bedeutung von Lehen, Gründung (selten Fundament) haben kann. Principe ist nicht unbedingt der Fürst, sondern generell der Landesherr, kann also auch ein Graf, Herzog oder König sein. Cohors ist im Mittellatein der Renaissance nicht mehr als militärische Kohorte zu übersetzen, sondern als Gefolgschaft, Versammlung der Untertanen oder Schutzbefohlene im Sinne der „Familia“, die wie schon bei den Römern nicht nur die Verwandtschaft, sondern alle Bediensteten und sogar Leibeigene (und damit ganze Dörfer) einschließen konnte. Das Gedicht ist als Hexameter angelegt, beinhaltet aber mehrere Rhythmusfehler, die bei Gedichten von Vultejus immer wieder vorkommen und fast charakteristisch sind.

40Ein Pädagogium ist eine höhere Lateinschule für ältere Kinder (12-17 Jahre ca) und sollte, sozusagen als Vorschule, auf das eigentliche Studium an der Univerität vorbereiten.

41† 31. März 1575 in Marburg

42In einer weißen Küche konnte Nahrung rauchfrei auf geschlossenen Öfen oder Herden aufbereitet oder warm gehalten werden. Die Wände blieben frei von Ruß, also „weiß“. Das Gegenstück war die schwarze Küche, die außer einer Esse, die in das sogenannte Rauchhaus führte kein geschlossenens Feuer hatte, sondern eine offene Feuerstelle, weshalb hier Decke und Wände schwarz und verrußt waren.

43Bis in die Renaissance hinein wurde statt mit heutigen Zahlen schriftlich zu rechnen ein sogenanntes Rechentuch benutzt. Hier konnte man Rechenpfennige auf bestimmte Positionen legen und hin und her verschieben, was es ermöglichte, einfach Rechenprozesse durchzuführen. Diese Rechenpfennige wurde als Nebenprodukt in vielen Münzen hergestellt und waren zum Teil recht aufwendig und phantasievoll verziert. Der in unserem Haus ist völlig blank.

 

44Ergebnis einer gemeinsamen Begutachtung mit der Denkmalpflege: Es gibt eine Marmorierung, die stilistische eindeutig in die Zeit vor dem 30-jährigen Krieg zu datieren ist, da diese sogar die Zimmerdecke mit einschließt, was im Barock nicht mehr üblich war. Die vorherige Farbfassung mit der schwarzen Umrandung und den freiliegenden Balken liegt teilweise unter der eben erwähnten Marmorierung, weshalb diese natürlich zeitlich früher einzuordnen ist.

45G. Ulrich Großmann, Fachwerk entdecken und verstehen, Verlag Schnell & Steiner, 2006

46Der Begriff „Land Hessen“ ist nicht im Sinne des modernen Staatsbegriffes zu verstehen, der sich erst im 19. Jahrhundert herausbildet

47Ahnenforschung und Familienkunde. In dieser Wissenschaft versucht man nicht nur reine Stammbäume mit Abstammungslinien aufzuzeigen, sondern das Ziel ist es, ganze Familienverbände in ihrer gesamten verwandtschaftlichen aber auch rechtlichen Verbindung darzustellen. Das ist für das Erbrecht sehr ausschlaggebend, da ein Erbe durchaus auch beispielsweise von einem Großonkel oder ggf. auch von der Patentante herrühren kann.

48 Johann Heinrich Wilhelm Koßmann (Pfarrer in Geismar bei Frankenberg)

Elisabetha Juliana Junghenn

1736 – 02.05.1812 (als Witwe Koßmann seit 1777 im Haus)

49 Wilhelmina Koßmann 25.03.1767 – 17.03.1845 (verh. mit Johann Christoph Plitt 08.01.1797)

50Quelle: Ahnentafeln im Dokument: HstAM, 111e,317

51„cleyben“ muss nicht zwingend bedeuten „mit Lehm ausfachen und verputzen“, sondern kann im Mittelhochdeutschen auch schlicht „ausbessern“ bedeuten.

52„Mittelalterliche Stadt-Grundrisse: Zwingenberg, Melsungen, Biedenkopf, Schwarzenborn, Zierenberg, Münzenberg, Hachenburg, Kirchhain“, in: Geschichtlicher Atlas von Hessen <http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ga/id/67> (zuletzt abgerufen 19.07.2017)

53Hessische Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt, Kartensammlung Signatur 156/7

54Gerald Bamberger, Der Brand von Biedenkopf, Hinterländer Geschichtsblätter, 92. Jahrgang Nr 4, Dezember 2013

55Die Urkunden aus der Zeit zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert sind in verschiedenen Kanzleischriften oder auch Kurrentschriften verfasst. Hierbei gibt es sehr saubere, einfache und gut lesbare aber auch sehr verschnörkelte oder ungelenke Handschriften. Nicht zu verwechseln ist diese Schrift mit der sehr viel einheitlicheren und dadurch gut zu erlernenden Sütterlinschrift, die ab etwa 1900 bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts in den Schulen gelehrt wurde. „Transkribieren“ bedeutet in diesem Zusammenhang das wortgenaue Übertragen der Texte in die heutige lateinische Schriftform.

56 Wilhelm Friedrich Koßmann 17.07.1774 – 09.12.1843

 

57Ein Kirchenstuhl ist in einem solchen Fall nicht bloß ein Sitzplatz oder eine Bank in der Kirche, sondern ein echtes Privileg. Meist hatten Adelsfamilien einen solchen Stuhl inne. Dieser war oft in Form einer extra angelegten kleinen Empore gestaltet und hatte immer einen nur für die Nutzer vorgesehen Eingang, so dass die Eigentümer des Stuhles nicht mit den anderen („einfachen und unten Sitzenden“) gemeinsam die Kirche betreten mussten. Oft waren es geschlossene an der Wand hängende „Kästen“, die mit Vergitterungen als Sichtschutz versehen waren. Am besten heute noch im Originalzustand zu besichtigen in der Breidenbacher Pfarrkirche.

58Abgabe der Bauern an ihren Grundherren oder die Kirche. Diese Einkünfte konnten an dritte verkauft oder verpfändet werden, oder sogar als Lehen erblich vergeben werden, wie im Fall des „Waltherischen Erblehens“

59HstAM, 110, 7160

60Noch heute existierende hessische Ritterfamilie aus dem Uradel. Heute und damals hauptsächlich begütert im Gießener Land.

61„Lehensnehmer“ ist der Inhaber des Lehens, „Lehensgeber“ z.B. der Landesherr, der einen Teil seines Eigentums als Lehen weitergibt. Gibt nun ein Lehensnehmer sein erhaltenes Lehen wiederum an Dritte weiter, so wird es dadurch zu einem Afterlehen (Hinter- bzw. Folgelehen) und diese Lehensnehmer dann zu sogenannten „Aftervasallen“. Vasall hat hier seine ursprüngliche Bedeutung als „Knecht“ eingebüßt, da ein adliger (aber auch bürgerlicher) Lehensnehmer zwar seinem Lehensherrn gegenüber zu Diensten verpflichtet ist wie Unterhalt des Lehens oder Kriegsdienste, aber dennoch als Freier und eben nicht als Leibeigener agiert.

62 Thomas Biller: Burgmannensitze in Burgen des deutschen Raumes. In: Ettel, Peter (Hrsg.): La Basse-cour : actes du colloque international de Maynooth (Irlande), 23 - 30 août 2002 (Château Gaillard ; 21). Caen 2004, S. 7–16

63HstAM, Urk. 49, 660 und HstAM, Urk. 49, 651

64Zumindest war Vultejus' Stiefvater Christian Pincier ein Biedenkopfer Bürger. Die gesamten Verwandtschaftsverhältnisse sind sehr detailreich dargestellt in:

Hessische Familienkunde Band 13, 1976 Heft 4 und Hessische Familienkunde Band 13, 1977 Heft 5

 

Zu dem Hexenprozeß, der im Hause unter Schultheiß Alexander Walther angstrebt und durchgeführt wurde, hier noch die entsprechende Quelle aus Soldans Geschichte der Hexenprozesse band 2 Seite 89:

Aus der grossen Menge der
 juristischen Gutachten
 greifen wir zunächst das Responsum heraus, welches diejuristische (hessen-darmstädtische) Fakultät zu Marburg in einer Hexenprozesssache unter dem 19. Juli 1631abgab. Aus den Akten ersah die Fakultät, dass Angeklagter H. Sangen aus Biedenkopf &bdquo;sowohl in- alsausserhalb des Gerichts ohne einigen Zwang bekannt und gestanden, dass er Gott abgesagt und sich demTeufel ergeben, sich auch mit demselbigen verbunden und in dessen Namen taufen und einen anderen Namengeben lassen, auch mit dem Teufel zu verschiedenen Malen Sodomiam begangen, dazu die hochwürdigenSakramente schändlich gemissbraucht, und sonderlich, welches schrecklich zu hören ist, im heil. Abendmahldas gesegnete Brot iterato in des Teufels Namen empfangen, auch mit Füssen getreten, und den gesegnetenWein durch Gebrauch einer süssen, ihm von dem Teufel gegebenen Wurzel per vomitum von sich gegebenund ausgewürgt und also von Gott, den er in vielen Wegen gelästert und geschmähet, allerdingsabgefallen&ldquo;. &mdash; Es könnte nun wohl gefragt werden, ob es nicht möglich sei, mit Verschiebungder Strafe die Befreiung des Frevlers aus der Gewalt des Teufels zu versuchen. Allein die Fakultät erklärt,dass sie dazu nicht rathen könne. Denn die tägliche Erfahrung beweise es, &bdquo;dass der Teufel denen, soer einmal in seine Stricke gebracht, keine Rast noch Ruhe lässt, dass sie auch lieber todt als lebendig seinwollen.&ldquo; Daher schliesst die Fakultät ihr Gutachten mit den Worten: &bdquo;Es will bei diesen DingenErnst gebraucht[218] sein, dass Gottes Ehre gerettet und dem Teufel sein Reich zerstörtwerde&ldquo; u. s. w.

Eine weitere schöne Quelle ist die Leichenpredigt für die Ehefrau von Schultheiß Ziessler, die hier nur in einem Ausschnitt aufgeführt werden kann:

Was nun anlangen tut die weiland viel Ehren und Tugendsame in Christo ihrem Erlöser selig verstorbene Frau Schultheißin des WohlEhrnvesten und Hochachtbaren Herrn Schultheißen allhier vielgeliebte Hausfrauen seligen Andenkens, deren wir diesmal die letzte Ehr erzeiget und anhero das Geleit zu ihrem Ruhe- und Schlafkämmerlein gegeben haben. So ist dieselbige auf diese Welt geboren im Jahr 1611 zu Vöhl in der Herrschaft Itter. Ihr Herr Vater ist gewesen der weiland Ehrwürdige und Wohlgelehrte Herr M. Arnold Kanngießer, damaliger Pfarrer und Metropolitanus der Herrschaft Itter, nachgehents aber Pfarrer zu Heilgenrod/ Kirchbaum und letztlich Pfarrer zu Hohenkirchen, so sämtlich in den Ämtern Cassel gelegen. Ihre Frau Mutter ist gewesen die weiland viel Ehrn und Tugendsame Frau Anna Catharina, weiland des Ehrnvesten und Vorachtbaren Herrn Erici Michelbechers Ratsverwandten und Cämmerers zu Marburg seligen eheliche Tochter. Obbemelte Ihre Eltern S. haben sie als in Sünden empfangen und geboren, durch die H. Taufe unserm Erlöser Christi vortragen und nach ihrer Mutter S. auch Anna Catharina nennen lassen. Und nachdem ihre Mutter S. ihr gar frühzeitig in dem sie damals etwa ein halb Jahr alt gewesen und dahero ihre Mutter S. nicht erkant durch den zeitigen Tod hinweg genommen, hat obbemelter ihr Altvater neben der Altmutter S. sie zu sich gen Marburg genommen, zur Schul gehalten und neben Anführung zu ehrlicher Hausarbeit zu aller Gottesfurcht auferzogen.

Da sie sich dann fein fromm, demütig, züchtig, arbeitsam und ehrbar verhalten, dass alle ehrliche Leut so sie gekannt, es an ihr gerühmt.

Anno 1637. den 6. Novembris hat sie sich durch sonderbare Schickung Gottes an den WohlEhrnvesten und VorAchtbaren Herrn Johannes Zißlern hiesigen Schultheißen jetzigen betrübten Witwer, damals Adelichen Schultheißen zu Holzhausen verheiratet, mit welchem sie dann, wie bekannt, eine gesegnete und friedsame Ehe beinahe 14 Jahr lang bis zu ihren seligen Tod besessen. Solche Ehe ist aber eine rechte Pilgrim- und Wanderschaft gewesen, in dem sie von vorgemelten Holtzhausen, naher Marburg, von dannen der damaligen schädlichen und unvermuteter Veränderung und Unruhe halben naher Giessen, und von dannen anhero [Biedenkopf] sich begeben und also von einem Ort zum andern wandern müssen. In solchem ihrem Ehestand haben sie mit einander durch Gottes Segen sieben Kinder erzielet, nämlich eines zu Holtzhausen, vier zu Marburg, eins zu Giessen und eines allhier, deren zwei, nämlich 2 Söhnlein, solang als Gott will, noch bey leben und ihrer lieben Mutter S. frühzeitigen Tod zum höchsten zu betrauern haben. Die andern fünf aber belangend, sind deren vier zu Marburg und eines allhier [in Biedenkopf] verstorben. In wehrenden ihrem Ehestand hat sie ihren Eheherrn von Hertzen geliebt, ihre Kinder zu allem guten auferzogen, sie zum Gebet, wie auch zur Kirchen und Schulen fleißig angehalten. Und wo sie nach dem Willen Gottes und der Kriegszufälle halben sich aufgehalten, gegen jedermänniglich ganz verträglich, friedfertig, demütig, förderlich und Nachbarlich sich verhalten. Dem Armut, so viel sie nur der Zeit und Gelegenheit nach vermocht, sehr viel Gutes getan, wie dann an allen Orten ihr das mit herzlichen Lob und Ruhm nachgesagt wird. Auch wann sie an einem Ort aufbrechen und ihre Haushaltung anders wohin wenden müssen, so ist ihr Abzug von den benachbarten sehr betrauert worden. Ihre Haushaltung hat sie dermaßen versehen und in acht genommen, dass ihr Eheherr, als welcher sonst ohne das aller Orten, wo sie sich befinden müssen, mit beschwerlichen Amtsgeschäften beladen gewesen, darum sich nicht viel bekümmern dürfen, sondern sich vielmehr auf sie als eine rechte Säule seines Hauswesens verlassen dürfen. Ihr Christentum hat sie ehrlich, rühmlich und Christlöblich geführt, in Kirchen gehen, Anhörung Göttlichen Worts, Gebrauch der H. Abendmahls, im Gebet und andern Übungen der Gottseligkeit fleißig, andächtig und emsig gewesen und damit jedermann zum guten Exempel Christlöblicher Nachfolge tugendlich fürgeleitet.

Ihre Schwachheit betreffend ist sie am 24. Tag des nächstverflossenen Monats Septembris zu Marburg gewesen, da sie sich dann schon etwas unpässlich befunden. Und als sie den 25. Tag ejusdem wieder anhero [Biedenkopf] kommen, ist sie von Tag zu Tag, ob man schon unterschiedener Medicorum Rath gepflogen und die verordneten Medicamenta gebraucht, je länger je schwächer worden. Dahero sie wohl gespürt, dass es sich hier in diesem Leben zu keiner Besserung sondern vielmehr zu einem andern Stand mit ihr schicken wollte. Dahero sie auch begehret in der Kirchen und Schulen sie in das gemeine Gebet mit einzuschließen, welches auch geschehen. Sie hat auch auf ihrem Krankbett und (…)lager mit recht sehnlicher hertzlicher Andacht ihre Beicht getan, zu Versicherung ihrer Seeligkeit das heilige Abendmahl empfangen auch nicht allein damals sondern auch hernach zum offtern dem lieben Gott von Grund ihres Hertzens dafür gedankt und darauf alles, wie es der liebe Gott mit ihr schicken werde, in seinen gnädigen väterlichen Willen anheim gestellt. Ob sie auch schon in ihrer Schwachheit große Schmerzen ausstehen müssen, so hat sie sich doch jederzeit mit männiglicher Verwunderung ganz geduldig erzeiget und fleißig mit hertzlichem Gebet angehalten. Dahero sie auch der liebe Gott nächstverflossenen Samstag den 18. Tag dieses Monats Octobris, Nachts zwischen 12 und 1 Uhren von ihren Schmerzen erlöset und in ihrem Erlöser Christo Jesu sanft und selig einschlafen lassen. Es hat auch der getreue Gott ihr die große Gnade erzeiget, dass sie bis in ihr letztes Ende ihre Sprache und Verstand behalten und als ihr von ihrem Eheherrn unterschiedlich vorgebetet worden, hat sie nicht allein so lang sie gekonnt nachgebetet, sondern auch hernach, wann der Namen Jesus genannt oder sonst ein tröstlich Wort geredet worden, hat sie ihre gefalten Hände jederzeit empor gehoben und dadurch ihren Verstand, Andacht und hertzlich Vertrauen zu Gott solcher Gestalt zu verstehen geben, dass sich diejenigen, so bei ihrem seligen Ende gewesen, sich nicht allein höchlich verwundern, sondern auch gewünscht, dass sie dermal eins auch einen solchen seligen Abschied und vernünftiges Ende haben und von Gott erbitten möchten. Ihr Alter ist gewesen 36 Jahr, deren sie im ledigen 22 im Ehelichen Stand 14 zugebracht. Mit allem Ruhm und Ehren ist in Wahrheit die selig verstorbene Frau Schultheißin ein recht Tugendspiegel gewesen, darinnen sich alle Weibsleut zu besehen und ihr nachzufolgen haben in Demut, Sittsamkeit, Bescheidenheit, Arbeitsamkeit, Zucht, Keuschheit, Haushältigkeit, Frommheit. Aller Ehr und Redlichkeit sie war ein recht Augenlust wie von Ezechiels Weib gesagt worden. Ein Augenlust ihrem lieben Eheherrn, dem sie sein Haushältig und beirätig in aller Ehr und Billigkeit gewierig und gehorsam gewesen. Ein Augenlust war sie ihren lieben Kindern, deren Hertz sich immer nach der Mutter gesehnt, ihre Augen nach ihr gesehen, ihr Mund nach ihr gefragt, als von welcher sie auch treuhertzlich geliebt und aller ehrlicher Notdurft nach fleißig und wohl verpflogen worden. Ein Augenlust war sie ihrem Hausgesinde, als welche sie mit Freundlichkeit und rühmlicher Bescheidenheit regieret und gegen selbige nicht schlecht wie eine Hausfrau sondern vielmehr wie eine Mutter gesinnt gewesen. Ein Augenlust war sie allen ehrlichen Leuten, gegen welche sie sich fein tugendhaft zu bezeigen wusste. Ja sie war ein recht Augenlust für Gott und seinen heiligen Engeln als die Gottes Wort, das Gebet und alle Gottseligkeit in ihrem täglichen Leben und Wandel geliebt und geübet und wie nun Gott und seine H. Engel auch alle Ehrliebende Leut allhier in dieser Welt an ihr ihren Lusten gehabt und gesehen. Also hat und sieht sie nun ihren Lusten in jener Welt an Gott an den H. Engeln und allen Auserwählten und dieselbige wider an ihr in der Ewigen Freude. Wir wünschen von Hertzen Gott wolle einen jeden unter uns vermahl eins auch ein sein seliges Ende bescheren und zu sich in die ewige Himmels Freud aufnehmen. Amen, Ja, Amen, mein lieber frommer Gott, beschere uns allen einen seligen Tod, hilf dass wir mögen all zugleich dermaleins in dein Reich zu dir kommen und bei dir bleiben Ewiglich Amen


Hier eine Quelle zum Sternerkrieg in Biedenkopf, der ebenfalls einiges an Verwüstungen angerichtet hat:

Originaltext

Der alten Manne bundt wider die landtgraven. Anno etc. 1375.

Obwol der Sterner bund aufgelost und geschwecht war, durch angezeigte erbverbruderung, so war er doch darumb noch nicht allerdinge zerbrochen, den die hauptursacher desselbigen gaben ime einen andern namen, nanten sich nicht mehr Sterner, sondern die alten Manne, und hot grave Johan von Nassaw denselbigen allermeist erregt, weil er gesehen das die landgraven zu Doringen und marggraven zu Meissen der zeit mit andern gescheften beladen und derhalben den landgraven nicht grosse hulffe thuen konten, denn Ludewig der gemelten landgraven zu Doringen etc. Balthasars Wilhelms und Friederichen bruder bischoff zu Bamberg war von dem bapst Gregorio dem eilften und Carolo 4 romischen keiser zum erzbischoff gehen Meintze erwelet, dagegen von dem capittel Adolff grave zu Nassaw, der zuvor ein bischoff zu Speyer war gewesen. Der wollte nu mit gewalt das erzstift besitzen, ruckte derhalben fur Erffurt, ward aber abgetrieben durch hochgedochte landgraven zu Doringen.

Da nu diesen vorteil grave Johan ersahe und seinem bruder auch gerner gedienet hette, damit er zum bisthumb komen und die landgraven zu Hessen also daheimen behielte, uberfiel er das gerichte Blanckenstein, Widenhausen die vorstadt an Marpurg, Hermanstein bei Wetzflar, Bidencap die stadt, Dutphe Baern Kaldern Huttenberg und Giessen, furte einen grossen raub hinweg, schlug auch nach dem landgraven bei Wetzflar einen guten hauffen reysiger pferde abe, den die landgraven dorfften sich aus dem underfurstenthumb nicht in gegenrustung begeben, dieweil inen herzog Otto von Braunschweig auff dem halse lag und seiner schanze auch warnam. Das demnach das Hessenland durch diesen graven und seinen anhang einen merglichen schaden genommen den zuvor durch die Sternervede.

Hier noch eine Quelle aus der Pestzeit des 16. Jhd.
Die Bewohner des Hauses versuchten sich vor der herannahenden Pest hinter die Mauern des Schlosses zu retten:

 

Identifikation

Titel

Bitte des Rentmeisters Sebastian Benner in Biedenkopf um Erlaubnis zur vorübergehenden Übersiedlung in das Schloss angesichts der in den benachbarten Dörfern ausgebrochenen Pest

Laufzeit

1575

Alte Archivsignaturen

OStS 8070 / 19 a Paket 6,1

Provenienz

(Vor)provenienzen

Landgraf Ludwig IV.

 

 

 

 

 


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