Das Schenkbarsche Haus in Biedenkopf
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Von den Anfängen
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Das Schenkbarsche Haus
 
 
Eine Reise in die Vergangenheit
 
Von
 
 
Elvis Benner
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Vorwort
 
 
Das Schenkbarsche Haus in Biedenkopf ist ein über Jahrhunderte hinweg gewachsenes Stück Geschichte. Es bildet eine Einheit, und doch können wir anhand von Bruchstücken immer wieder Details aus der Bauhistorie und der lokalen sowie landesgeschichtlichen Entwicklung beleuchten und dadurch ein Gesamtbild der Entstehung nachzeichnen, die nicht nur die Stadtgeschichte Biedenkopfs, sondern auch die Sozialgeschichte Hessens widerspiegelt.
 
Was ist historisch belegt und wo liegen die Fakten, die sich aus der Bauforschung ergeben? Was gehört in das Reich der Legenden und was ist mündlich überlieferte Tradition, die nachvollziehbar Hand und Fuß hat? Was geben die Quellen zur Stadt- und Landesgeschichte her und in welchem Zusammenhang stehen diese zur Genealogie und Familiengeschichte des Hauses? Was wissen wir über ehemalige Besitzer, über Lehen, landgräfliche Besitzungen und private Eigentümer des Anwesens? Welche Rolle spielt ein Amtshaus und das Amt des Schultheißen in einer mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Stadt?
All das soll hier im Zusammenhang beleuchtet und verdeutlicht werden.
 
Bisher wurden lediglich schlaglichtartig die verschiedenen Teilaspekte behandelt. So gibt es einzelne Abhandlungen zur Baugeschichte oder zu einzelnen Bewohnern und Legenden. Hier soll der Versuch gemacht werden, die einzelnen Teilerkenntnisse zeitstrahlähnlich zusammenzuführen und miteinander zu verbinden, um so ein Gesamtbild der Entwicklung des Schenkbarschen Hauses zu erhalten.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Prolog
 
Wie kann man sich so etwas nur antun? Da ist jemand, der alles hat. Ein fertiges, für ein bequemes Leben umgebautes Haus, ohne Schulden und ohne Sorgen. Und dann freiwillig und ohne Not den Schritt ins Ungewisse? Mit viel Arbeit, viel Dreck und Unordnung?
Diese und andere waren die Fragen, die gestellt wurden, als bekannt wurde, dass wir das Schenkbarsche Haus in Biedenkopf kaufen wollten.
Aber ihr werdet dort doch nicht etwa einziehen wollen, oder?
Doch! Genau das wollten wir. Leben mit und in einem Lebenstraum, der lange Zeit gewachsen war, und nun auf einen Schlag und durch die Gunst des Schicksals verwirklicht werden konnte.
Ich war allerhöchstens zwölf oder dreizehn Jahre alt, als wir mit der Schulklasse eine kleine Wanderung durch die Oberstadt zum Schloss machten, um unseren neuen Schulort besser kennen zu lernen, denn die meisten der Kinder, die das Gymnasium besuchten, kamen aus den umliegenden Dörfern und wurden jeden Tag mit Bussen und der Bahn in die nahe ehemalige Kreisstadt Biedenkopf gekarrt und nach dem Unterricht wieder zurück.
Hier begegnete mir „mein“ Haus das erste Mal. Es sei geheimnisumwittert und uralt. Und es habe als einziges alle Brände und Katastrophen der Stadt überstanden.
Wo das Interesse herkam, kann ich nicht sagen, aber die Neugier war geweckt und ich sollte mein Leben lang dieses Haus nie mehr aus den Augen verlieren.
Ein paar Tage später verabredete ich mich mit einem Schulkamerad, der in Biedenkopf aufgewachsen war und eine wunderbar anschauliche Art des Erzählens an den Tag legt. Wir hatten gemeinsame Interessen. Ich beschäftigte mich schon lange und für mein Alter extrem ungewöhnlicherweise mit der Geschichte unseres Dorfes Wallau und sog alle Informationen, die ich von der Großmutter und aus der Dorfchronik erhalten konnte, förmlich in mich auf, was meinen Eltern eher unheimlich war, als dass es sie beeindruckte.
Der Schulkamerad kletterte mit mir auf der Stadtmauer und am Hexenturm umher und hörte nicht mehr auf zu erzählen. Sein Vater war Lehrer und er muss einen enormen Schatz an heimatkundlichem Wissen und Geschichten an seine Kinder weitergegeben haben.
Aber all das interessierte mich wenig. Ich wollte mehr über dieses geheimnisvolle alte Haus wissen, das nicht mehr aus meinen Gedanken und Träumen zu vertreiben war.
Wir umrundeten das Haus mehrfach und mit jedem neuen Blickwinkel wurde meine Sehnsucht größer. Da war der Blick von der Obergasse in den Hof hinein, wo es sich inmitten landwirtschaftlichen Treibens mit seinen kleinen Fenstern eher unscheinbar zu ducken schien. Da war der Blick in die Höhe zu steilen Giebeln und schiefen Balken, wenn man durch das schmale Gässchen in Richtung Kirche ging. Da war der Eindruck eines städtischen Bürgerhauses, den ich aus Marburg kannte, wenn man am alten Markt stand. Und der burgartige Eindruck, den man gewinnen konnte, wenn man vom Kottenbachtal aus den Altstadthügel hinaufsah, wo es wie ein Adlernest in luftiger Höhe auf einem Felsvorsprung zu thronen schien.
Und während all dem hörte mein Freund nicht auf zu erzählen. Von Schwedentruppen und Belagerungen im 30-jährigen Krieg, von großen Bränden und von der Pest. Von der alten Universität, die dort einmal gewesen sein soll, und von unterirdischen Gängen und Verteidigungsanlagen, die aus grauer Vorzeit stammten. Von guten und von bösen Schultheißen, von einem Gericht mit Hexenprozessen und von großer Armut und goldschwerem Reichtum.
 
Wie beneidenswert waren doch die Leute, die dort wohnen durften. Mit einer Hausgeschichte wie sie nur Fürsten haben, ohne selbst Fürsten sein zu müssen. All das brannte sich ein in mein Gedächtnis und bewegte meine Phantasie über Jahrzehnte hinweg.
Noch am selben Abend erzählte ich in einem unaufhörlichen Redeschwall meinem Vater von dem Haus meiner Träume, und die Antwort höre wie ein Omen noch dreißig Jahre später in meinen Ohren widerhallen:
„Vielleicht kannst du es dir später ja mal kaufen, wenn du Geld hast!“
 
Die Jahrzehnte vergingen und das Leben schlug andere Wellen, ohne dass ich die Geschichte aus den Augen verlor. Ich verfolgte die Berichterstattung in der Zeitung, las die Veröffentlichungen in Büchern und fragte immer wieder nach, ob jemand jemanden kennt, der jemanden kennt, der dort wohnt, denn ich kannte das Haus nicht von innen.
Wanderten wir durch die Wälder, versuchte ich den steilen Giebel im Gewirr der Altstadthäuser auszuspähen und oft, wenn wir in der Altstadtschänke einen trinken waren, machte ich einen Bogen um zu sehen, ob hinter den Fenstern Licht brannte oder nicht.
Oft fuhr ich einfach so am Haus vorbei, um es wiederzusehen. Irgendwie war es über die ganzen Jahre „mein“ Haus geworden.
Im Januar 2009, ganz ohne Grund und Anlass, fuhr ich auf dem Heimweg von der Arbeit mal wieder durch die Oberstadt, als ich schon vom alten Marktplatz aus ein weißes Schild im gardinenlosen Fenster des Hauses sah. Sofort und ohne zu zögern stieg ich aus dem Auto und lief die steile Passage vom Brunnen in Richtung Schenkbarsches Haus, ohne den Blick von diesem weißen Zettel im Fenster abwenden zu können. Mir schoss durch den Kopf, dass es ja nur die eine Haushälfte betreffen könnte. Und mit einer Hälfte allein kann man ja nichts anfangen.
Über lange Jahre hinweg hatten wir haufenweise Antiquitäten aller Art zusammengetragen und träumten nun davon, irgendwann einmal ein kleines Privatmuseum eröffnen zu können.
Wie vom Blitz getroffen und vom Donner gerührt blieb ich vor dem Haus stehen, als ich im Fenster der zweiten Haushälfte ebenfalls einen gelben Zettel erblickte: „Zu verkaufen“
 
Überlegen musste ich keinen Augenblick, die Entscheidung war gefallen. Mein Kindheitstraum und der Traum vom Museum war plötzlich in greifbarer Nähe.
„Wie kann man nur?“, hörte ich eine innere Stimme, und doch:
JA! Wir taten es sofort!
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Das 13.-15. Jahrhundert
 
Nichts liegt in der Mitte Europas so sehr im Dunkel der Geschichte vergraben, wie der Ursprung und das Alter unserer Städte und Dörfer.
Wie aus dem Nichts tauchen sie urplötzlich in mittelalterlichen Urkunden auf und beginnen nun auch für die Geschichtsschreibung zu existieren und von Interesse zu sein.
Aufgrund dieser Urkunden werden überall in Deutschland die 700 oder 800 Jahrfeiern ausgerichtet und in aller Munde hört man immer wieder: „Unser Dorf ist 700 Jahre alt“ oder „unsere Stadt gibt es seit 800 Jahren“.
Ist das denn so? Kann das sein? Nein, es kann nicht sein, denn die Urkunden eines Klosters oder einer weltlichen Macht beziehen sich ja immer auf eine bereits bestehende Siedlung. Meist sind es Änderungen in den Rechtsverhältnissen oder im Besitz, die dort beurkundet werden. Oder eine Person aus diesem Ort hat als Zeuge für ein Rechtsgeschäft auf dieser Urkunde unterzeichnet. Das Dorf oder die Stadt waren zu diesem Zeitpunkt also bereits vorhanden. Auch die Stadtrechte wurden in Mitteleuropa zu über 90 Prozent an bestehende Siedlungen verliehen und meist waren Burgen mit zugehörigen weilerartigen Siedlungen die Keimzellen unserer Städte.
Wir müssen spätestens hier eingestehen, dass wir nichts über das tatsächliche Alter unserer Siedlungen wissen, denn genau an diesem Wendepunkt muss der Stab der Geschichtswissenschaft an die Archäologie übergeben werden.
Ob Biedenkopf bereits in der Stein- oder Bronzezeit besiedelt war, oder ob keltische und germanische Stämme die Berghänge bewohnten, muss genauso offen bleiben wie die Frage, ob es sich um eine fränkische oder salische Gründung handelt. Wir wissen es nicht und müssen auf Bodenfunde verweisen, die erst noch zu machen sein werden.
Ganz sicher ist hier nur, dass im Jahre 1254 als Biedenkopf zum ersten Mal als Stadt Erwähnung findet, die entsprechende Ausprägung der Siedlung bereits abgeschlossen sein dürfte. Eine städtische Siedlung mit Gassen, einem Markt und einer Kirche, sowie Verteidigungsanlagen wie Türme und eine Mauer dürften vom Bau her schon fertig gestellt gewesen sein.
1196 unterzeichnet ein Zeuge eine Urkunde mit „de Biedencaph“ und einige Jahre später 1232 wird Biedenkopf als „villa“ bezeichnet.
Eine Villa ist im Mittelalter eine dorfähnliche Siedlung, die allerdings bereits eine gewisse Befestigung zur Verteidigung aufweist. Meist einen Ring aus Wall und Graben und eine dichte Hecke, die das Eindringen von Feinden und Plünderern erschweren sollte. Im Falle von Biedenkopf ist es allerdings sehr wahrscheinlich, dass zur Vorbereitung und Herbeiführung der Erhebung von der Villa zur Stadt die Voraussetzungen hierfür bereits um 1180 durch das Errichten einer steinernen Mauer geschaffen worden sind. Außerdem ist es ein Hinweis auf die Anwesenheit von Ortsadel mit den dazugehörigen Höfen, welche wie kleine Burgen angelegt waren.
Die eigentliche Burg dürfte zu diesem Zeitpunkt noch im Besitz des heimischen Adelsgeschlechtes der Hohenfels gewesen sein und lag in seiner Ausdehnung mit Wehr- und Wohngebäuden sowie seinen Wirtschafträumen noch auf dem nördlich gelegenen Teilabschnitt des Burgberges, was die Ausgrabungen der 1930er Jahre belegen und bis heute noch gut erkennbar ist.
Die hessische Reimchronik spricht von einer Verlegung nach Süden hin und kann in diesem Zusammenhang nur die Verlagerung der Burg auf ihrem Berg meinen, da es in der so genannten „Altenstadt“ weder historische noch archäologische Belege für eine frühe Besiedlung gibt. Die alte wesentlich größere Burg muss sich also in ihrer Ausdehnung wesentlich mehr in die Länge gestreckt haben. Dies ist nicht ungewöhnlich, wenn wir uns in direkter Nachbarschaft eine weitere Burganlage der Hohenfelser ansehen, nämlich die Burg Hohenfels selbst, die zwischen Allendorf und Buchenau gelegen ist und sich sogar über zwei Bergkuppen hinweg in die Länge zieht.
Allerdings ist nicht auszuschließen, dass es ein oder mehrere Gehöfte im Bereich der Altenstadt gegeben hat, die jedoch gänzlich verschwunden sind, oder nie existierten.
Beruhend auf den wissenschaftlichen Forschungen von Prof. Reuling im historischen Ortslexikon, der die Entwicklungsgeschichte hessischer Siedlungen im Vergleich zueinander behandelte, scheint es plausibel, dass das alte dörfliche Biedenkopf auf der süd-östlichen Felsnase des Burgberges gelegen hat, also im Bereich der heutigen Kirche und des späteren Nonnenbergs. Dieser Abschnitt der Stadt ist nicht nur vom Gelände her gut zu besiedeln und von allen Seiten her zu verteidigen, sondern es liegt gleichzeitig im Schutzbereich der Burg und hat Zugang zu solch wichtigen Lebensgrundlagen wie Wasser, wärmender Sonne und günstigen Verbindungswegen.
Wir sehen hier also eine Siedlung mit vielleicht 30 kleinen, bäuerlichen Gebäuden, bewohnt von Leibeigenen des ortsansässigen niederen Adels und vielleicht zwei oder drei Adelshöfen und einem zentralen Sakralbau, welcher mit allergrößter Sicherheit auch zu dieser Zeit den Ort einnahm, den auch die heutige Kirche für sich beansprucht.
Einer dieser frühen Adelshöfe, die nichts anderes waren als burgähnlich umfangene Bauernhäuser mit wehrhaftem Charakter, mag wohl der Ursprung und die Keimzelle auch des Schenkbarschen Hauses gewesen sein. Die Lage am Abhang des Kottenbachtals und die Position direkt oberhalb der Kirche sowie die Größe und Form der belegten Parzelle sprechen dafür.
Aus dieser allerersten Bauphase beispielsweise der Herren von Hohenfels  können durchaus die Grundmauern, Teile der Befestigung, wie etwa der Verteidigungsturm, und der große Gewölbekeller stammen, denn sie können nicht nur zeitlich sondern auch baulich durchaus mit den ruinösen Resten der Burg Hohenfels verglichen werden. Außerdem unterscheiden sie sich weder vom Baumaterial als auch in der Art, die Mauern auszuführen, von den frühen Bauten oben auf dem Schlossberg.
Bereits 1249 verloren allerdings die Hohenfelser ihrer eigenständigen Herrschaft und mussten sich nach erbitterten Kämpfen der Landgräfin Sophie von Brabant und ihren Kindern unterordnen. Nicht nur die Burg in Biedenkopf und Allendorf sondern alle Besitzungen des Adelsgeschlechts gingen an das Land Hessen über. Nachdem die Hohenfelser wie auch andere ortsansässige Adelsgeschlechter dem landgräflichen Hause jedoch die Treue und Gefolgschaft geschworen hatten, bekamen sie all ihre Besitzungen als Lehen wieder zurück.
Genau hier beginnt das Verwirrspiel der mittelalterlichen Rechtsverhältnisse.
Der Landgraf hatte sowohl Burg als auch Stadt, also auch die ehemals selbständigen Adelsgehöfte, in seinem Eigentum, während der Besitz und die daraus erwachsenen Einkünfte dem ansässigen Ortsadel zum Lehen übertragen wurde.
So blieben vom Prinzip her die Rechtsverhältnisse bis weit ins
18. Jahrhundert nahezu unverändert bestehen, wie man auch an anderen Beispielen in der Stadt Biedenkopf sehen kann. So residierte zum Beispiel der Rentmeister und Amtmann Klingelhöfer noch bis zum Ende des alten Reiches im Jahr 1806 in der im Volkmund sogar nach ihm benannten Klingelburg, obwohl diese Jahrhunderte lang der Besitz der Herren von Breidenbach gewesen war und eben als Eigentum dem Land Hessen gehörte. Oder auch die Döringsburg in der Obergasse, die ebenso durch die hessischen Landgrafen immer wieder als Lehen an die Herren von Döring vergeben wurde, die diese spätestens nach ihrem Wegzug nach Elmshausen nach dem 30jährigen Krieg an wechselnde Pächter weitergaben.
Wie sich dies im Zusammenhang mit dem Schenkbarschen Haus verhielt, werde ich zu späterem Zeitpunkt genauer abhandeln.
 
Auf dem Burgberg, so verraten neuerliche Datierungen an Ringmauer, Pallas und Bergfried, herrschte auf jeden Fall um das Jahr 1180 eine mehr als rege Bautätigkeit, woraus wir recht sicher erschließen können, dass zu diesem Zuge auch die uns heute bekannte steinerne Stadtmauer in den meisten Teilen erreichtet worden sein wird.
Auch muss die Mauer logischerweise vor der Ersterwähnung Biedenkopf als Stadt im Jahr 1254 bereits vorhanden gewesen sein.
Der Archäologe interessiert sich hierbei insbesondere für entstandene Baunähte, um eventuell später hinzugefügte Mauerelemente oder Anbauten zu erkennen. Eine Baunaht erkennt man gerade bei Bruchsteinmauerwerk meist überdeutlich, da schon allein wegen der Standfestigkeit die Enden eines jeden Mauerabschnittes durch das gerade Setzen von Steinreihen abgeschlossen werden müssen. Das Innere mittelalterlicher Mauern ist oft mit relativ losem Gestein verfüllt, so dass das Setzen dieser geschlossenen geraden Enden unverzichtbar ist. Setzt man nun zum Beispiel als Anbau eine weitere Mauer an, so ist diese nicht mehr direkt und am Stück mit dem vorherigen Mauerteil verzahnt, sondern es entsteht diese deutlich erkennbare Baunaht.
Nun ist die gesamte Mauer gerade am östlichen Abschnitt der städtischen Wehranlage in ihrer vollen Länge verzahnt errichtet und weist keinerlei Baunähte auf. Mit der Mauer verzahnt gebaut wurden nicht nur sämtliche Schalentürme, sondern eben auch der Turm und die gesamten Grundmauern des Schenkbarschen Hauses. Die Stadtmauer, der Turm im Garten des Hauses, die Grundmauern des Hauses und das gesamte Kellergewölbe sind demnach sozusagen aus einem Guss, verzahnt und am Stück erricht worden, woraus wir bauhistorisch die Entstehungszeit um 1180 erschließen können.
 
Wie sahen nun die baulichen Gegebenheiten aus, wenn wir uns zurück ins Jahr 1200 begeben?
Da gab es für mich einige erstaunliche Erkenntnisse, die ich mir so niemals vorgestellt habe.
Bisher war das Mittelalter für mich von schlichten Fachwerkbauten geprägt gewesen und höchstens Burgen und Kirchen hatten das Privileg aus Stein gebaut zu sein. Leider im Denken von mir komplett daneben gegriffen.
Gerade bei städtischen Bauten, egal ob bürgerlicher oder adeliger Herkunft war es im Mittelalter generell üblich diese nahezu komplett aus Stein zu errichten. Allerdings galten die wuchtigen und nicht unbedingt geräumigen Steinbauten sogar unter der dörflichen Bauernbevölkerung als sehr unbequem, kalt, verraucht und dunkel.
Kein Wunder also, dass zwischen dem 14. und 15. Jahrhundert nahezu sämtliche städtische Steinbauten aus Modernisierungsgründen in ihrem Aufbau durch damals moderne Fachwerkbauten ersetzt wurden. Sieht man sich die Ergebnisse der Stadtarchäologie an, so bietet sich tatsächlich ein sehr ungewohntes Bild einer frühen mittelalterlichen Stadt. Viele kleine, größere und oft turmartig in die Höhe wachsende Steinbauten mit kleinen Fensteröffnungen und gelegentlichen Fachwerkaufbauten inmitten eines Getümmels von Hütten der Handwerker und Dienstfamilien, die zwar von der Konstruktion her Fachwerkhäuser waren, jedoch zumeist in der Pfostenbauweise errichtet worden waren. Diese älteste Fachwerkbauweise ist wenig von Dauerhaftigkeit geprägt, denn die Ständer der Konstruktion wurden ohne jeden Schutz direkt in die Erde geschlagen, so dass das Gebäude bereits nach wenigen Jahren vom nicht wirklich vorhandenen Fundament her verrottete und schließlich abgerissen werden mussten. Diese alte Bauweise ist seit dem Neolitikum bis ins Mittelater archäologisch durch die im Boden verbleibende Verfärbung der Pfostenlöcher nachweisbar. Erst die seit dem 13. Jahrhundert langsam aufkommende Ständerbauweise, bei der es nicht nur möglich wurde mehrere Fachwerkgeschosse aufeinander zu türmen sondern die auch Schwellen und ordentliche Fundamente für die Ständer aufwies, machte den Fachwerkbau zu einem der langlebigsten Haustyp der Baugeschichte.
So wurden also die meisten steinernen Stadthäuser im Laufe des Mittelalters abgetragen und durch die moderneren Fachwerkbauten ersetzt. So erging es nicht nur den städtischen Bauten sondern sogar Burgen selbst. Sie wurden aus strategischen Gründen im Besitz gehalten oder gar zu Festungen ausgebaut in denen man aber nicht wohnen wollte. Der Adel bezog geräumige und repräsentative Fachwerkbauten in den Städten. Man wollte nicht nur dort wo die eigentliche Macht war seine Gegenwart zeigen sondern auch am Handel und am öffentlichen Leben teilnehmen. So wurden nicht wenige Burgen komplett verlassen, verfielen zu Ruinen oder wurden gar zum Abbruch als Steinbruch veräußert. Dieser Prozess war am Ende des europäischen Mittelalters nahezu abgeschlossen. Auch in Biedenkopf diente um das Jahr 1500 das Schloss lediglich als Getreidespeicher und nicht einmal mehr der Amtmann oder die Burgmannen nahmen oben auf dem Berg Wohnung, sondern auch sie lebten und residierten in der Stadt.
 
Welches der hiesigen Adelsgeschlechter, die die ersten Jahre vor und nach der Stadtgründung prägten, ihren Wohnsitz im ersten Haus genommen hatten ist leider aus den dürftigen Quellen bisher nicht genau zu erschließen. Mit großer Wahrscheinlichkeit waren es die Herren von Buchenau oder die Hohenfels selbst, die nicht nur oben auf dem Schloss, sondern auch in der Stadt ihre Bautätigkeit entfalteten. Immerhin waren die Hohenfelser auch die Kirchenpatrone und vor der landgräflichen Herrschaftsübernahme durch Sophie auch die ursprünglichen Grundherren über Biedenkopf gewesen.
Gesichert ist, dass vor 1365 die Ritterfamilie Döring im Besitz des Hauses war, denn Craft Döring verkaufte es 1365 an Kuntz Ruhl. (siehe Diskussion)
 
Wie sah nun konkret das erste Haus aus? In seiner Größe und Grundstruktur lässt es sich recht gut durch die noch vorhandenen Bauteile und durch archäologische Rückschlüsse erschließen. Wie es allerdings im Detail oder oberhalb des ersten Stocks aussah ist nur durch vergleichende Betrachtung noch bestehender oder besser erforschter Gebäude zu mutmaßen.
Aktuell  
  Da unser Haus nicht nur ein Museum, sondern auch ein ganz normales Wohnhaus ist, bitten wir um Verständnis, dass nicht jederzeit Führungen möglich sind. Bitte vereinbaren Sie einen Termin für eine Führung unter mail(at)kaiser-kalligraphie.de oder unter 06461/ 89180. Herzlichen Dank! Wir freuen uns über alle Besucher!  
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